um durch die Musik „den einzigen unverkörperten Eingang in eine höhereWelt des Wissens" zu finden, von der er doch wußte, daß er sie nie erfassenwürde, trieb ihn, „sich zu schrankenloser Allgemeinheit auszudehnen", unddieses Triebes Befriedigung fand er nur in der Gestaltung der Melodie, dieer „vom Brennpunkt der Begeisterung nach allen Seiten hin ausladen, ver-folgen, mit Leidenschaft einholen" mußte, die er „dahinfliehen, verschwindensehen konnte, um sie mit erneuter Leidenschaft zu fassen, sie mit raschemEntzücken durch alle Modulationen zu vervielfältigen, um im letzten Augen-blick über den ersten musikalischen Gedanken zu triumphieren". So schilderter selbst den Geistertanz seiner Musik, die er „die einzige Vermittlung desgeistigen Lebens zum sinnlichen" nennt. Da er den Eingang in eine „höhereWelt des Wissens" nur noch „unverkörpert" sucht, muß er, wo ihm dieserEingang durch die Gestalt vermittelt wird — im Goetheschen Gedicht — erst„den geistigen (das heißt anschaubaren) Inhalt zum sinnlichen Gefühl durchdie Melodie verflüchtigen", den Sprachrhythmus durch den allein zu ihmsprechenden musikalischen vergewaltigen, den Vers, der ihm „das Geheimnisder Harmonien schon in sich zu tragen schien", ins Klanghaft-Verschwim-mende erweichen, ehe er Zugang gewinnt.
So mußte endlich sein Wille, der zum lebendigen Kerne dringen wollte, insleere Nichts stoßen. Seine Symphonie ist nicht Bewegung der Welt, sonderneines „Modells der Welt", eines Schemas des Weltprozesses, Spiegelung derAblaufgesetze hinter dem Kosmos — ein Gefühlsgerüst.Denn es handelt sich bei Beethoven im letzten nicht um Musik, nicht umKlangschönheit. Die Befriedung im Rousseautraum von der Entspannungim kampffreien Dasein ist bei ihm nicht mehr möglich. Es handelt sichdarum, ob die Gewalt des Ringens aus sich die heilende Kraft gebiert oder nicht,ob die Welt gut oder böse ist. Augenblicke der vollkommenen Befriedung imstillen Strom der Töne kennt auch er: so in der Pastorale, so vor allem injener erschütternd aus dem qualvollen Drang der 9. Symphonie aufsteigendenschlichten Hirtenmelodie. Aber so wird für Beethoven der ersehnte Urgrundnicht erobert, alles versinkt wieder im lodernden Sturm, und die seltenen ver-klärten Aufblicke der gestaltsüchtigen Seele zu den seeligen Gefilden sindUm so quälender, je sicherer ihnen der neue Absturz folgt. Es ist der Todes-gesang des ewig von der Gestaltenwelt Getrennten, sein Schrei dringt wieKassandraruf aus dem Strudel. Als einziger unter den Menschen ist Beet-hoven belastet mit der ganzen Schwere des Schicksals der zerbrechendenchristlichen Kultur. Aber indem er rousseauisch das Wüten der von der Erdelosgerissenen Menschheit gegen die ewigen Gesetze empfand, stellte er nichtdas Gegenbild gestaltet vor die Augen der Menschen, sondern er suchte diev on ihm gefühlte wütende Entzweiung („zwei Prinzipe — Tausende verstehendas nicht"), das Unheil selbst also darstellend, im abstrakten Sieg, seineSc heinhafte Erlösung. Durch Unterwerfung suchte er den Zorn der „großenFahrerin" zu besänftigen. Im „entkörperten" Stoff ließ sich aber der heilende**eros nicht bannen: im Feuer und Sturm erscheint der Gott ihm nicht. Sost eht er da als der magische Herrscher eines imaginären Reiches. „Man möchteWeissagen," sagt Bettina v. Arnim, „daß ein solcher Geist in späterer Voll-
235