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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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daß die seinigen wie verblaßte Milchschwestern der heiligen JungfrauenRaffaels aussahen, die dieser in einer seltsam kindischen Greisenzeit nach-träglich gemalt haben könnte. Dem Willen der Nazarener nach sollte jetztCornelius, der bis dahin ihre Richtung innegehalten hatte, sich dem Geistedes in Rom wiedererwachenden großen Meisters und der Antike verschließen.Cornelius aber ging zumheidnischen" Raffael über.

Als die Gründung derPropyläen" erfolgte, hatte dieZerstörung des ita-lienischen Kunstkörpers", wie Goethe den Raub der Kunstwerke Italiens durchdie Franzosen nennt, noch nicht stattgefunden. Meyers in den Propyläen er-scheinende Beurteilung sämtlicher Werke Raffaels enthält die beste For-mulierung dessen, was die geläuterte Kennerschaft des achtzehnten Jahr-hunderts zutage gefördert haben würde, wenn es sich etwa darum gehandelthätte, in gemeinsamen Besprechungen wohlwollender Kunstfreunde die Mei-nungen zusammenzufassen.

Diese Darlegungen aber begeisterten die Leser nicht: ein damals bei uns be-ginnender Schriftsteller wußte die Jugend anders zu packen, Ludwig Tieck,als Verfasser vonSternbalds Wanderungen", einem Künstlerroman, der selbstheute, wo man die Unhaltbarkeit aller Voraussetzungen kennt, seine Wir-kung nicht verleugnen würde, wenn er in die Hände unerfahrener, sentimentalangelegter Leute fallen sollte. Tieck schuf in den Gestalten einiger jugendlichenKünstler, die er zu den Zeiten Dürers und Raffaels sich zwischen Nürnberg,Antwerpen und Rom in der Welt umhertreiben läßt, die historischen Gespen-ster, die auf Jahrzehnte hinaus Unheil genug gestiftet haben. Von Kunst-geschichte wußte er nichts, er hat die Dinge zusammengeträumt. In seinemBuche finden wir Dürers, Raffaels und Michelangelos Charakter falsch, abergemeinverständlich dargestellt. Das nicht endende engelhafte JünglingtumRaffaels, die Weichherzigkeit Dürers, das unablässige ästhetisierende Pre-digen der großen Meister entzückte das jenerzeit weichgestimmte deutschePublikum, und derKnabe Raffael" begann in den Träumen talentvollerjunger Künstler eine Rolle zu spielen. Religiöse Schwärmerei trat hinzu. Manstrebte nach Rom. Der den heiligen Stätten dort entströmende Atem sei das,wähnte man, was Madonnen, die denen Raffaels glichen, der Phantasie derGläubigen vorspiegele, die zu malen hinterher ein Leichtes sein werde. Mitdiesem Glauben waren die jungen Nazarener nach Rom gepilgert. Sie suchtensich zu geheimnisvoll persönlicher Gemeinschaft mit dem jungen Raffael zu er-heben. Die Darstellungen aus seinem Privatleben nahmen ihren Anfang. Der-gleichen zu zeichnen oder zu malen, sehen wir freilich Künstler aller Nationenjetzt sich zur Pflicht machen. Denn diese Anschauungen gingen weit über dieVerbindung der deutschen Nazarener hinaus. In diesen Szenen trat Raffael imSinne desgöttlichen Knaben" auf. Schlank und mager, in pathetischer Be-wegung, gehüllt in enganliegende, der sogenannten altdeutschen Tracht nach-gebildete Bekleidung, bei der ein weit überschlagener Hemdskragen nicht fehlendurfte, stand er vor der Staffelei, umgeben von einem ehrfurchtsvollen Kreise,der die Entstehung seiner Wunderwerke mit eigenen Augen erleben wollte.Die dem falschen Raffael dieser Schule angedichtete bedenklichste Eigenschaftaber war geistiger Natur: sein künstlerisches Schaffen sollte die Tätigkeit

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