Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
231
Einzelbild herunterladen
 

Wir setzen den bezeichneten Maßstab, vielleicht nicht ganz vollständig undfreilich nicht methodisch genug gereiht, zu heiterer Übersicht hierher.Tiefe, Genie, Anschauung, Erhabenheit, Naturell, Talent, Verdienst, Adel,Geist, schöner Geist, guter Geist, Gefühl, Sensibilität, Geschmack, guter Ge-schmack, Verstand, Richtigkeit, Schickliches, Ton, guter Ton, Hofton, Mannig-faltigkeit, Fülle, Reichtum, Fruchtbarkeit, Wärme, Magie, Anmut, Grazie,Gefälligkeit, Leichtigkeit, Lebhaftigkeit, Feinheit, Brillantes, Saillantes,Petillantes, Pikantes, Delikates, Ingeniöses, Stil, Versifikation, Harmonie,Reinheit, Korrektion, Eleganz, Vollendung.

Von allen diesen Eigenschaften und Geistesäußerungen kann man vielleichtVoltairen nur die erste und die letzte, die Tiefe in der Anlage und die Vollen-dung in der Ausführung, streitig machen. Alles, was übrigens von Fähig-keiten und Fertigkeiten auf eine glänzende Weise die Breite der Welt aus-füllt, hat er besessen und dadurch seinen Ruhm über die Erde ausgedehnt.(Goethe, Rameaus Neffe, 1805.)

DER HEILIGE UND DER HEIDNISCHE RAFFAEL

Tischbein beschreibt die Szene, wie Raffael von Giulio IL nach Rom berufen,diesem vorgestellt worden sei. Er kniet vor dem Papste nieder, während ihmdie blonden Locken von den Schultern fallen. ,,Das ist ein unschuldiger Engel",sagt der Papst,ich will ihm den Kardinal Bembo zum Lehrer geben, und ersoll mir diese Wände mit Geschichtsbildern füllen." Und als Giulio in derFolge die Disputa vollendet erblickt, wirft er sich anbetend zu Boden, in dieWorte ausbrechend:Ich danke Dir, Gott, daß Du mir so einen großen Malergesandt hast." Dergleichen Anschauungen hatten früher auf die allgemeineBeurteilung Raffaels keinen Einfluß gehabt, weil trotz ihnen Raffaels Tätig-keit in seiner reifsten Zeit unter Leo X. immer der Punkt war, von dem aus-gegangen wurde, so daß das früher Fallende als Vorstufe der Blüte galt. Diejungen Deutschen aber, die im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Romsich zusammentaten, rechneten anders: die Arbeiten unter Leo waren Ver-fall, die Jugendzeiten das Höchste und das Entscheidende. Raffaels heiligeEpoche dauerte für sie nur bis zu seiriem Eintritte in Rom. Auf das, was erim väterlichen Hause vielleicht noch, in Perugia dann und in Florenz ge-schaffen, kam es ihnen an. In den Geist dieser ersten Zeit und in den der be-scheidenen Meister, die Raffaels erste Muster hätten sein können, sich zu ver-tiefen, war ihnen Herzenssache. Der Raffael, bei dem sie schworen, hatteWenig gemein mit dem, dessen Werke zur gleichen Zeit damals in Parisdie übrige Welt entzückten.

So lange nun durften in diesem Sinne die jungen Deutschen, die unter demNamenNazarener" bekannt sind, in Rom ungestört lehren und arbeiten,als die römischen Hauptgemälde Raffaels im Louvre festgehalten wurden: alsdiese aber wiederkehrten und zugleich das Zusammentreffen der europäischenKunstfreunde nach Rom zurückverlegt wurde, änderte sich ihre Stellung.Ein Schein von Wunderlichkeit fiel auf sie. Overbeck malte Madonnen imGeiste der Florentiner Madonnen Raffaels, denen er äußerlich so nahekam,

231