Außerpersönlichem bestimmt und getragen. Überall herrscht der bewußteWille, das Raisonnement, und vielleicht ist vom dramatischen Standpunktaus der Hauptfehler seines Nathan (im Vergleich etwa zu Minna und Emilia),daß die Personen ohne immanente Notwendigkeit kostümiert sind, nur wegeneines außer ihnen liegenden Zwecks, und was in einer Dichtung zufällig ist,ist überflüssig und verwerflich. Niemals ist im Shakespeare Kostüm, Ort, ge-schichtlicher Rahmen zufällig. Bis in den Rhythmus hinein sind sie in jedesStück verwebt, freilich niemals sind sie bei Shakespeare auch zweckmäßigin dem Sinn, wie der Orient für Lessing zweckmäßig war. Plan und Bau beiShakespeare zweckmäßig zu finden, seine symbolischen Züge als feine Klug-heiten zu preisen, ist so, wie wenn man den Duft der Rose als gerade dieserBlume entsprechend rühmen wollte. Zu sagen, es sei ein feiner Zug, daßShylock in biblischen Wendungen rede oder Percy hastig spreche oder Richardhinke, ist so gescheit, als zu bewundern, daß die Kürbisse nicht auf Eichbäumenwachsen oder die Lilie, das Symbol der Unschuld, weiße Farbe habe. Shake-speares Meisterwerke sind nur dadurch, daß sie so sind, wie sie sind. WennMacbeth nicht im Norden, Romeo nicht im Süden spielt, Brutus kein Römerist, haben diese Stücke überhaupt keinen Sinn. Alles zufällig in der FabelGegebene, vom Theaterapparat Aufgezwungene, durch sein Erleben Herauf-gequollene hat Shakespeare notwendig gemacht, und es ist Torheit, die Ele-mente wieder aufzulösen, die er vereinigt. Doch wenn Lessings Nathan nichtim Orient spielte, so ginge von seinem Wert nichts wesentliches verloren. Esist gleichgültig, ob Emilia an einem italienischen oder deutschen Hofe spielt:Lehre und Satire bleiben gleich wirksam, die Durchführung gleich geschickt.Kolorit, Fabel, Charaktere, Handlung sind für Lessing immer Kleider einesbegrifflich gesinnungsmäßigen Inhalts. Es sind Fabeln, Parabeln, Beispiele,zuletzt ist auch der Nathan eine tiefe Allegorie, kein Symbol. Was daran füruns symbolisch ist, das ist Lessings Wille, der dahinter steht, und das klare,mächtige Wort Lessings, das er seinem Helden in den Mund legt. Shake-speare legt nie etwas in den Mund: seine Geschöpfe reden, weil sie einen Mundhaben, und sie haben einen Mund, weil sie Geschöpfe, Leiber sind. (FriedrichGundolf, Shakespeare und der deutsche Geist, 1911.)
GOETHE ÜBER VOLTAIRE
Wenn Familien sich lange erhalten, so kann man bemerken, daß die Naturendlich ein Individuum hervorbringt, das die Eigenschaften seiner sämtlichenAhnherren in sich begreift und alle bisher vereinzelten und angedeuteten An-lagen vereinigt und vollkommen ausspricht. Ebenso geht es mit Nationen,deren sämtliche Verdienste sich wohl einmal, wenn es glückt, in einem In-dividuum aussprechen. So entstand in Ludwig XIV. ein französischer Königim höchsten Sinne, und ebenso in Voltaire der höchste unter den Franzosendenkbare, der Nation gemäßeste Schriftsteller.
Die Eigenschaften sind mannigfaltig, die man von einem geistvollen Mannefordert, die man an ihm bewundert, und die Forderungen der Franzosen sindhierin, wo nicht größer, doch mannigfaltiger als die anderer Nationen.
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