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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
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freudigen Erstaunen. Ließe sich etwas von ihm lernen, so wäre hier der Punkt,den wir in seiner Schule studieren müßten. Anstatt unsere Romantik, die nichtzu schelten, noch zu verwerfen sein mag, über die Gebühr ausschließlich zuerheben und ihr einseitig nachzuhängen, wodurch ihre starke, derbe, tüchtigeSeite verkannt und verderbt wird, sollten wir suchen, jenen großen unver-einbar scheinenden Gegensatz um so mehr in uns zu vereinigen, als ein großerund einziger Meister, den wir so höchlich schätzen und oft ohne zu wissenwarum über alles präkonisieren, das Wunder wirklich schon geleistet hat.Freilich hatte er den Vorteil, daß er zur rechten Erntezeit kam, daß er in einemlebensreichen, protestantischen Lande wirken durfte, wo der bigotte Wahn eineZeitlang schwieg, so daß einem wahren Naturfrommen, wie Shakespeare, dieFreiheit blieb, sein reines Innere ohne Bezug auf irgendeine bestimmte Reli-gion religiös zu entwickeln. (Goethe, Shakespeare und kein Ende, 1813/1816.)

Wenn Shakespeare jeden Menschen in und mit seiner ganzen Luft und Land-schaft heraufhebt, wenn in der ersten Szene bei ihm bereits vor der Entwick-lung der Handlung und Charaktere die Atmosphäre Schicksal und Wesenausstrahlt, wenn Shakespeare ebensogut in Atmosphären denkt wie in Cha-rakteren, wenn im Lear die Heide, im Romeo die Sommernacht nicht Re-quisiten, sondern Charakterzüge sind, im Cäsar die Mauern, Türme, Feuer-essen mit ihrem Pöbel nicht nur Schau, sondern Schicksal sind, wie zur Kleo-patra die Cydnus-Barke, zu den englischen Peers die blutigen SchlachtfelderWesentlich und untrennbar gehören (zu schweigen von den Märchenstücken,Wo Waldweben und Mondschein, Blumen und Wind beinahe die Verkörpe-rungen der menschlichen Seelen sind), wenn bei Shakespeare alles Elementarenur die dumpfere oder lockere Ausstrahlung des Seelischen ist, sein Südendas Atmen der Südländer, sein Rom ein Fluidum seiner Römer, seine Gärtenund Wiesen die Bewegung seiner Mädchen, wenn nichts bei ihm vor sich geht,Was nicht seine Schwingungen sowohl im Schicksal als im Charakter als inder Natur fühlen ließe: so sieht Lessing nichts als seinen Zweck und nimmtVon allem Stofflichen, was ihm Erlebnis, Fabel, Geschichte bieten, immer nurgenau soviel, als er für die Entwicklung seiner Gedanken brauchen kann.Seine Personen sind lebendig durch sein eigenes Temperament, nicht los-gelöst, sie sind alle Träger seines Gedankens und sehen nicht rechts noch links.Ihr Charakter ist nur die Maschinerie, die den Gedanken wendet und spielenläßt. So hat Lessing kein Interesse daran, den Orient als Farbe in seinem Ge-mälde zu bezeichnen: es genügt, daß der Orient am leichtesten Juden, Christen,Mohammedaner zusammenführt, kaum daß einmal Palmen, Derwische er-wähnt werden man riecht sie nicht. Und was ist orientalisch an diesemNathan und Saladin in dem Sinne, wie Othello maurisch, Romeo italienisch,Macbeth nordisch, Kleopatra hellenistisch ist? Nathan ist wirklich dem gutenMendelssohn ähnlicher, als einem Juden der orientalischen Blütezeit.£in Zusammenhang zwischen Natur und Mensch, zwischen Geschichte undMensch ist nirgends bei Lessing zu spüren. Seine Personen werden nicht von

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