Sitz alles Furchtbaren der Orakel, die Religion, in welcher Oedipus über allethront. Zarter erscheint uns das Sollen als Pflicht in der Antigone, und inwieviele Formen verwandelt tritt es nicht auf! Aber alles Sollen ist despotisch:es gehöre der Vernunft an, wie das Sitten- und Stadtgesetz, oder der Natur,wie die Gesetze des Werdens, Wachsens und Vergehens, des Lebens und Todes.Vor allem diesem schaudern wir, ohne zu bedenken, daß das Wohl des Ganzendadurch bezielt sei. Das Wollen hingegen ist frei, scheint frei und begünstigtden einzelnen. Daher ist das Wollen schmeichlerisch und mußte sich derMenschen bemächtigen, sobald sie es kennenlernten. Es ist der Gott derneueren Zeit; ihm hingegeben, fürchten wir uns vor dem Entgegengesetzten,und hier liegt der Grund, warum unsere Kunst sowie unsere Sinnesart vonder antiken ewig getrennt bleibt. Durch das Sollen wird die Tragödie großund stark, durch das Wollen schwach und klein. Auf dem letzten Wege istdas sogenannte Drama entstanden, indem man das ungeheure Sollen durchein Wollen auflöste; aber eben weil dieses unserer Schwachheit zu Hilfekommt, so fühlen wir uns gerührt, wenn wir nach peinlicher Erwartungzuletzt noch kümmerlich getröstet werden.
Wende ich mich nun nach diesen Vorbetrachtungen zu Shakespeare, so mußder Wunsch entspringen, daß mein Leser selbst Vergleichung und Anwendungenübernehmen möchte. Hier tritt Shakespeare einzig hervor, indem er das Alteund Neue auf eine überschwängliche Weise verbindet. Wollen und Sollensuchen sich durchaus in seinen Stücken ins Gleichgewicht zu setzen, beide be-kämpfen sich mit Gewalt, doch immer so, daß das Wollen im Nachteile bleibt.Niemand hat vielleicht herrlicher als er die erste große Verknüpfung des Wol-lens und Sollens im individuellen Charakter dargestellt. Die Person von derSeite des Charakters betrachtet, soll; sie ist beschränkt zu einem Besondernbestimmt, als Mensch aber will sie. Sie ist unbegrenzt und fordert das All-gemeine. Hier entspringt schon ein innerer Konflikt, und diesen läßt Shake-speare vor allen andern hervortreten. Nun aber kommt ein äußerer hinzu,und der erhitzt sich öfters dadurch, daß ein unzulängliches Wollen durchVeranlassungen zum unerläßlichen Sollen erhöht wird. Diese Maxime habeich früher an Hamlet nachgewiesen; sie wiederholt sich aber bei Shakespeare:denn wie Hamlet durch den Geist, so kommt Macbeth durch Hexen, Hekateund die Überhexe, sein Weib, Brutus durch die Freunde in eine Klemme, dersie nicht gewachsen sind, ja sogar im Coriolan läßt sich das Ähnliche finden;genug, ein Wollen, das über die Kräfte eines Individuums hinausgeht, istmodern. Daß es aber Shakespeare nicht von innen entspringen, sondern durchäußere Veranlassung aufregen läßt, dadurch wird es zu einer Art von Sollenund nähert sich dem Antiken. Denn alle Helden des dichterischen Altertumswollen nur das, was Menschen möglich ist, und daher entspringt das schöneGleichgewicht zwischen Wollen, Sollen und Vollbringen; doch steht ihr Sollenimmer zu schroff da, als daß es uns, wenn wir es auch bewundern, anmutenkönnte. Eine Notwendigkeit, die mehr oder weniger oder völlig alle Freiheitausschließt, verträgt sich nicht mehr mit unsern Gesinnungen; diesen hatjedoch Shakespeare auf seinem Wege sich genähert: denn indem er das Not-wendige sittlich macht, so verknüpft er die alte und neue Welt zu unserm
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