Zungen — und auf so verschiedenen Wegen beide Vertraute Einer Gottheit? —Und wenn jener Griechen vorstellt und lehrt und rührt und bildet, so lehrt,rührt und bildet Shakespeare Nordische Menschen! Mir ist, wenn ich ihnlese, Theater, Akteur, Kulisse verschwunden! Lauter einzelne im Sturm derZeiten wehende Blätter aus dem Buch der Begebenheiten, der Vorsehung,der Welt! — einzelne Gepränge der Völker, Stände, Seelen! die alle die verschie-denartigsten und abgetrenntest handelnden Maschinen, alle — was wir inder Hand des Weltschöpfers sind — unwissende blinde Werkzuge zum GanzenEines theatralischen Bildes, Einer Größe habenden Begebenheit, die nur derDichter überschauet. Wer kann sich einen größeren Dichter der nordischenMenschheit und in dem Zeitalter! denken!
Wie von einem Meere von Begebenheit, wo Wogen in Wogen rauschen, sotritt vor seine Bühne! Die Auftritte der Natur rücken vor und ab, wirken in-einander, so disparat sie scheinen, bringen sich hervor und zerstören sich,damit die Absicht des Schöpfers, der alle im Plane der Trunkenheit und Un-ordung gesellet zu haben schien, erfüllt werde — dunkle kleine Symbole zumSonnenriß einer Theodicee Gottes. Lear, der rasche, warme, edelschwacheGreis, wie er da vor seiner Landkarte steht und Kronen wegschenkt undLänder zerreißt — in der ersten Szene der Erscheinung — trägt schon allenSamen seiner Schicksale zur Ernte der dunkelsten Zukunft in sich. Siehe!der gutherzige Verschwender, der rasche Unbarmherzige, der kindische Vaterwird es bald sein auch in den Vorhöfen seiner Töchter — bittend, betend,bettelnd, fluchend, schwärmend, segnend, — ach, Gott! und Wahnsinn ahn-dend. Wirds sein bald mit bloßem Scheitel unter Donner und Blitz, zur unter-sten Klasse von Menschen herabgestürzt, mit einem Narren und in der Höhleeines tollen Bettlers Wahnsinn gleichsam pochend vom Himmel herab. —Und nun ist wie ers ist in der ganzen leichten Majestät seines Elends undVerlassens, und nun zu sich kommend, angeglänzt vom letzten Strahle derHoffnung, damit diese auf ewig ewig erlösche! Gefangen, die tote Wohltäterin,Verzeiherin, Kind, Tochter auf seinen Armen! auf ihrem Leichnam sterbend,der alte Knecht dem alten Könige nachsterbend — Gott! welch ein Wechselvon Zeiten, Umständen, Stürmen Wetter, Zeitläuften! und alle nicht bloßeine Geschichte — Helden und Staatsaktion, wenn du willst! von einem An-fange zu einem Ende, nach der strengsten Regel Deines Aristoteles, sonderntritt näher, und fühle den Menschengeist, der auch jede Person und Alter undCharakter und Nebending in das Gemälde ordnete. Zween alte Väter und alleihre so verschiednen Kinder! Des einen Sohn gegen einen betrogenen Vaterunglücklich dankbar, der andre gegen den gutherzigen Vater scheußlich un-dankbar und abscheulich glücklich. Der gegen seine Töchter! diese gegen ihn!ihre Gemahl, Freier und alle Helfershelfer im Glück und Unglück. Der blindeGloster am Arm seines unerkannten Sohnes, und der tolle Lear zu Füßen seinervertriebenen Tochter! und nun der Augenblick der Wegscheide des Glücks,da Gloster unter seinem Baum stirbt, und die Trompete ruhet, alle Neben-umstände, Triebfedern, Charaktere und Situationen dahinein gedichtet -—Alles im Spiel 1 zu Einem Ganzen sich fortentwickelnd — zu einem Vater- undKinder-, Königs- und Narren- und Bettler- und Elend-Ganzen zusammen-
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