daß in dem kleinen Kreise, wo dies gelesen wird, es niemand mehr in denSinn komme, über, für und wider ihn zu schreiben noch zu verleumden:aber zu erklären, zu fühlen, wie er ist, zu nützen und — wo möglich! — uns
Deutschen herzustellen. Trüge dies Blatt dazu etwas bei!--------
Shakespeare fand vor und um sich nichts weniger als Simplizität von Vater-landssitten, Taten, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das griechischeDrama bildete, und da also nach dem ersten metaphysischen Weisheitssatzeaus Nichts Nichts wird, so wäre, Philosophen überlassen, nicht bloß kein grie-chisches, sondern wenns außerdem Nichts gibt, auch gar kein Drama in derWelt mehr geworden und hätte werden können. Da aber Genie bekannter-maßen mehr ist als Philosophie, und Schöpfer ein ander Ding als Zergliederer:so wars ein Sterblicher mit Götterkraft begabt, eben aus dem entgegengesetztenStoff und in der verschiedensten Bearbeitung dieselbe Wirkung hervorzu-rufen, Furcht und Mitleid! und beide in einem Grade, wie jene Erste, Stoff undBearbeitung, es kaum vormals hervorzubringen vermocht! — GlücklicherGöttersohn über sein Unternehmen! Eben das Neue, Erste, ganz Verschie-dene zeigt die Urkraft seines Berufs.
Shakespeare fand keinen Chor vor sich; aber wohl Staats- und Marionetten-spiele — wohl! er bildete also aus diesen Staats- und Marionettenspielen,dem so schlechten Leim! das herrliche Geschöpf, das da vor uns steht undlebt! Er fand keinen so einfachen Volks- und Vaterlandscharakter, sondernein Vielfaches von Ständen, Lebensarten, Gesinnungen, Völkern und Sprach-arten — der Gram um das Vorige wäre vergebens gewesen: er dichtete alsoStände und Menschen, Völker und Spracharten, König und Narren, Narrenund König zu einem herrlichen Ganzen! Er fand keinen so einfachen Geistder Geschichte, der Fabel, der Handlung: er nahm Geschichte, wie er sie fand,und setzte mit Schöpfergeist das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunder-ganzen zusammen, was wir, wenn nicht Handlung im griechischen Ver-Stande, so Aktion im Sinne der mittlem oder in der Sprache der neuerenZeiten Begebenheit, großes Eräugnis nennen wollen — o Aristoteles, wenndu erschienst, wie würdest du den neuen Sophokles homerisieren! würdestso eine eigne Theorie über ihn dichten, die jetzt seine Landsleute, Home undHurd, Pope und Johnson noch nicht gedichtet haben! Würdest dich freuen,Von jedem deiner Stücke Handlung, Charakter, Meinungen, Ausdruck, Bühnewie aus zwei Punkten des Dreiecks Linien ziehen zu können, die sich obenin Einem Punkte des Zwecks, der Vollkommenheit begegnen! Würdest zuSophokles sagen: male das heilige Blatt dieses Altars! und du, o NordischerBarde, alle Seiten und Wände dieses Tempels in dein unsterbliches Fresko!Man lasse mich als Ausleger und Rhapsodisten fortfahren: denn ich binShakespeare näher als dem Griechen. Wenn bei diesem das Eine einer Hand-lung herrscht: so arbeitet jener auf das Ganze eines Ereignisses, einer Begeben-heit. Wenn bei jenem Ein Ton der Charaktere herrscht, so bei diesem alleCharaktere, Stände und Lebensarten, so viel nur fähig und nötig sind, den^auptklang seines Konzerts zu bilden. Wenn in jenem Eine singende feineSprache, wie in einem höheren Äther tönet, so spricht dieser die Sprache allerAlter, Menschen und Menschenarten, ist Dolmetscher der Natur in all ihren
*6 Wolters, Der Deutsche. 111,2. oo£
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