Alle Franzosen und angesteckte Deutsche, sogar Wieland, haben sich beidieser Gelegenheit, wie bei mehreren, wenig Ehre gemacht. Voltaire, der vonjeher Profession machte, alle Majestäten zu lästern, hat sich auch hier als einechter Thersit bewiesen. Wäre ich Ulysses, er sollte seinen Rücken untermeinem Szepter verzerren.
Die meisten von diesen Herren stoßen auch besonders an seinen Charakteren an.Und ich rufe: Natur, Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen.Da hab' ich sie alle überm Hals.Laßt mir Luft, daß ich reden kann!
Er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihm Zug vor Zug seine Menschennach, nur in kolossalischer Größe — darin liegts, daß wir unsre Brüder ver-kennen — und dann belebte er sie alle mit dem Hauch seines Geistes, erredet aus allen, und man erkennt ihre Verwandtschaft.Und was will sich unser Jahrhundert unterstehen, von Natur zu urteilen?Wo sollten wir sie her kennen, die wir von Jugend auf alles geschnürt und ge-ziert an uns fühlen und an andern sehen. Ich schäme mich oft vor Shake-spearen; denn es kommt manchmal vor, daß ich beim ersten Blick denke:das hätt' ich anders gemacht! Hinten drein erkenn' ich, daß ich ein armerSünder bin, daß aus Shakespearen die Natur weissagt und daß meine Men-schen Seifenblasen sind, von Romanengrillen aufgetrieben.Und nun zum Schluß, ob ich gleich noch nicht angefangen habe.Das, was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shake-spearen: das, was wir böse nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die sonotwendig zu seiner Existenz und in das Ganze gehört, als Zona torridabrennen und Lappland einfrieren muß, daß es einen gemäßigten Himmels-strich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte uner-fahrne Menschen schreien bei jeder fremden Heuschrecke, die uns begegnet:Herr, er will uns fressen.
Auf, meine Herren! trompeten Sie mir alle edlen Seelen aus dem Elysium dessogenannten guten Geschmacks, wo sie schlaftrunken, in langweiliger Däm-merung halb sind, halb nicht sind, Leidenschaften im Herzen und kein Markin den Knochen haben, und weil sie nicht müde genug, zu ruhen und dochzu faul sind, um tätig zu sein, ihr Schattenleben zwischen Myrten und Lor-beergebüschen verschlendern und vergähnen. (Goethe, Zum Schäkespeare-Tag, 1771.)
2.
Wenn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfällt: „hoch auf einemFelsengipfel sitzend! zu seinen Füßen Sturm, Ungewitter und Brausen desMeers, aber sein Haupt in den Strahlen des Himmels!" so ists bei Shake-speare! — Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fußeseines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen,entschuldigen, anbeten, verleumden, übersetzen und lästern! — und die Eralle nicht höret!
Welche Bibliothek ist schon über, für und wider ihn geschrieben! — die ichnun auf keine Weise zu vermehren Lust habe. Ich möchte es vielmehr gern,
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