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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
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der der eigentlich lebendigen Geburten der Menschheit, daß sie das ganzeLeben der Menschheit aktiv, nicht nur passiv mitleben, daß sie der Entwick-lung als Schöpfer beiwohnen und sich keineswegs nach vollbrachtem Werkzur Ruhe begeben, sondern fortwährend wirksam sind in höheren Naturen,um die geringeren heranzuziehen". (Friedrich Gundolf, Shakespeare undder deutsche Geist, 1911.)

SHAKESPEARESICHTEN

Mir kommt vor, das sei die edelste von unsern Empfindungen: die Hoffnung,auch dann zu bleiben, wenn das Schicksal uns zur allgemeinen Nonexistenzzurückgeführt zu haben scheint. Dieses Leben, meine Herren, ist für unsereSeele viel zu kurz; Zeuge, daß jeder Mensch, der geringste wie der höchste,der unfähigste wie der würdigste, eher alles müd wird, als zu leben, und daßkeiner sein Ziel erreicht, wonach er so sehnlich ausging, denn wenn es einemanf seinem Gange auch noch so lang glückt, fällt er doch endlich und oft imAngesicht des gehofften Zwecks in eine Grube, die ihm Gott weiß wer gegrabenhat und wird für nichts gerechnet.

Für nichts gerechnet! Ich! Da ich mir alles bin, da ich alles nur durch michkenne 1 So ruft jeder, der sich fühlt, und macht große Schritte durch diesesLeben, eine Bereitung für den unendlichen Weg drüben. Freilich jeder nachseinem Maß. Macht der eine mit dem stärksten Wandertrab sich auf, so hatder andre Siebenmeilenstiefel an, überschreitet ihn, und zwei Schritte desletzten bezeichnen die Tagreise des ersten. Dem sei, wie ihm wolle, dieseremsige Wandrer bleibt unser Freund und unser Geselle, wenn wir die gigan-tischen Schritte jenes anstaunen und ehren, seinen Fußtapfen folgen, seineSchritte mit den unsrigen abmessen.

Auf die Reise, meine Herren! Die Betrachtung so eines einzigen Stapfsmacht unsre Seele feuriger und größer, als das Angaffen eines tausendfüßigenköniglichen Einzugs.

Wir ehren heute das Andenken des größten Wanderers und tun uns dadurchselbst eine Ehre an. Von Verdiensten, die wir zu schätzen wissen, haben wirden Keim in uns.

Erwarten Sie nicht, daß ich viel und ordentlich schreibe. Ruhe der Seele istkein Festtagskleid, und noch zur Zeit habe ich wenig über Shakespearen ge-gedacht; geahndet, empfunden wenns hoch kam, ist das Höchste, wohin ichshabe bringen können. Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich aufzeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ichwie ein Blindgeborner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augen-blicke schenkt. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenzum eine Unendlichkeit erweitert. Alles war mir neu, unbekannt, und das un-gewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt' ich sehenund, Dank sei meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhaft,was ich gewonnen habe.Ich zweifelte keinen Augenblick, dem regelmäßigen Theater zu entsagen.

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