Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
218
Einzelbild herunterladen
 

aufnahm, Fleisch und Blut. Und die Bilder ihrer Berge und Täler, ihrer Seenund Flüsse, ihrer Fluren und Einöden, ihrer Felsen und Wälder, ihrer Blumenund Kräuter, ihres Himmels und ihrer Sterne, die sich täglich den Augen ihresBebauers darstellen, sie bildeten seine geistige Nahrung, von ihnen empfingder Geist, dem sie sich einprägten, sein Gepräge, und sie erfüllten ihn beiseinem Sinnen und Wirken in ihrem Geiste, während er diese Erde wiederummit den Schöpfungen seines Geistes erfüllte und zu seiner Wohnung zurecht-richtete. Hierin bestand in Görres' Augen jenes geheimnisvolle Wechsel-band zwischen einem Volke und seinem Lande, und in dem Geiste dieserAnschauungsweise erkannte er, daß bestimmte Länder gleichsam durch Wahl-verwandtschaft für bestimmte Völker vorbestimmt seien, daß sie sich nur hier,ihrem Stammcharakter gemäß, heimisch fühlen und das Ruheziel ihrer Wan-derungen finden könnten.

Traf er darum mit einem Fremden zusammen, oder machte er eine kleinereoder größere Reise, so pflegte er den Begegnenden mit forschendem Blickin die Augen zu sehen, ihre Gesichtszüge, ihren Körperbau, ihren Gang undihre Haltung zu prüfen und auf den Laut ihrer Sprache zu lauschen, um dar-aus ihren Volksstamm, dem sie entsprossen, und das Land, in dem sie ge-wurzelt, zu erraten.

Und er selbst war das lebendigste Beispiel dieser seiner Anschauungsweise.Wie auch sein forschender Geist, Klarheit und Wahrheit, Weisheit und Friedesuchend, sehnsuchtsvoll über Länder und Meere unermüdet dahin fuhr, wietief er sich in die unerforschten Abgründe menschlichen Wissens versenkte,wie hoch er über die Sterne zum unsichtbaren göttlichen Lichte sich auf-schwang: niemand konnte doch fester an der Stelle haften, wohin ihn diegöttliche Vorsehung gestellt, als er. Auf ihr fußend und in ihr wurzelnd, saher sie als die heilige Werkstätte seines Berufes an, und ihre Leiden und Freu-den teilend, gehörte zunächst ihr, deren Muttersprache er redete und verstand,seine Kraft an.

Als daher in späteren reifen Jahren die despotische Ungerechtigkeit der preu-ßischen Regierung Friedrich Wilhelms III. in ihrer engherzigen Verblendungihn von Haus und Hof an dem heimischen Rheine wie einen Hochverräterverjagt, und der treueste Verfechter deutscher Sitte und Ehre die deutscheErde wie ein Verbrecher fliehen mußte: da erzählte er, wie ich mich dessennoch sehr deutlich erinnere, in den ersten Nächten, die er in Straßburg, das ihngastlich aufgenommen, geschlafen, sei ihm im Traum lebhaft das Gefühl ge-wesen, wie einem Baume, den eine Hand gewaltsam mit seinen Wurzelnaus der Erde gerissen, und der nun schwankend und schmachtend in der Lufthange 1

Und wieder es mochten seitdem etwa zwanzig Jahre vergangen sein,als er in München mit seinem Landsmanne, dem Fürsten Metternich, zusam-menkam, sagte er zu diesem, den er in seiner Kinderzeit in Koblenz gesehen,indem er sich beurlaubte:Nichts hat mich an Eurer Durchlaucht so sehr ge-freut, als daß Sie noch ganz, selbst in der Sprache, der alte Rheinländer undKoblenzer geblieben sind." Der Fürst, durch dieses ungewöhnliche Kom-pliment überrascht, antwortete lächelnd:Aber auch Sie haben in ihrer Aus-

218