Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
217
Einzelbild herunterladen
 

lernte er erst den Geist fassen . . . umgekehrt wie die Romantiker. Er istdarum auch frei von dem romantischen Erbwahn: der Geist könne Welt,Wesen, Wirklichkeit schaffen, aufheben, ersetzen. Tieck war ein Berlinerund lernte eher Bücher als Bäume kennen, wußte eher, was ein Theater alswas ein Acker ist. . Novalis und Arnim wuchsen auf Gutswirtschaften herauf,in schon verarbeiteter Natur. Brentanos erste Blicke fielen in ein Kaufmanns-milieu, Schleiermachers in ein Pfarrhaus ihrer keiner hatte Erde und Meernoch so frisch und rein erfahren, wie der Gotensproß aus dem ländlichen Nord-winkel Deutschlands, wo die Bodensäfte und der Salzwind noch dicht ein-strömten in das feste Gewächs.

Solch ein Wesen also, stark, wach, fromm . . jedem Sinnen- und Seelen-zauber offen, aber keusch und hart gegen sich, gewaltiger Leidenschaftenfähig, aber von einer bäuerlichen und jünglinghaften Herzensdumpfheit ohneTrübe, klar, feurig, reich und zart, solch ein Mensch traf in die deutsche Bil-dung der Kant- und Goethezeit, worin die jungen Romantiker heranwuchsenals auf der selbstverständlichen Grundlage ihres Daseins . . . diesen Geistnahmen sie als das Leben selbst, als den Rohstoff zum Weiter verarbeiten.Nicht so Arndt. Bei gleicher Empfänglichkeit kam er in diese Bildung von derNatur her, also nicht aus einem von ihr druchdrungenen oder angehauchtenMilieu, er nahm sie noch als eine Fremdwelt, freien Augs, ohne vorge-schliffene ästhetische, philosophische, historische Brillen. Er hatte einenPunkt außerhalb dieses Bildungsreiches. (Friedrich Gundolf, Ernst MoritzArndt, Rede von 1920.)

NEUES HEIMATGEFÜHL

Es war die rheinische Erde, worauf Görres' Wiege gestanden, und in dieserr heinfränkischen Heimat und in dem Stamme, der sie bewohnte und ihr seinGepräge aufgedrückt, wurzelte er im lebendigsten Sinne des Wortes. KonnteJa niemand die Bedeutung des heimischen Bodens und der Abstammung tieferauffassen als er.

*n seinen historischen Forschungen war es stets sein eifrigstes Bemühen, dieEigenschaften der Stammväter und Stammältesten auch in den spätestenEnkeln aufzufinden und das geheimnisvolle Band gegenseitiger Wechsel-wirkung, das sich zwischen einem Volke und der von ihm bebauten und be-lohnten Erde schlingt, nach allen seinen Beziehungen zu ergründen,"ie Gemeinschaft des Blutes, die Gemeinschaft der Sprache, die Gemeinschaftder Erinnerungen und Überlieferungen, die Gemeinschaft der Sitte und Lebens-weise, die Gemeinschaft des lebendigen Verkehres und endlich die Gemein-schaft des Glaubens und der ganzen Welt- und Lebensanschauung drückten,dieser seiner Auffassung gemäß, jedem Sprößling eines Stammes mehr oderRinder den gleichen gemeinschaftlichen Stammcharakter, die gleiche Phy-Sl ognomie geistig und leiblich auf.

pie Luft seiner Heimaterde, die er atmete, der Wein ihrer Reben, das Wasserl "rer Quellen, die er trank, das Brot ihrer Ähren und die Früchte ihrer Bäume,dle er, sie wurden in dem Sohne dieser Erde, den sie später in ihrem Schöße

217