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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
216
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Es ist nicht besonders schwer, Notizen und Ereignisse, Denkmale des mensch-lichen Geistes, zumal aus früheren und dunkleren Zeiten, ganz oder teilweiseverdächtig zu machen. Vieles an ihnen bemerkt man leicht als Widerspruchund Unzusammenhang, weil uns die Umstände nicht überliefert sind, welcheuns statt dessen Harmonie und Verbindung zeigen würden, oder weil ferneund kindliche Vorstellungen uns auch durch sich selbst verschlossen blieben.Wer da nichts als kalten Scharfsinn, oft nur Spitzfindigkeit, zu der historischenKritik mitbringt, der schneidet frech in die Überlieferung, die Erscheinung,das Denkmal, was wirklich war, was wir wirklich wußten, vergeht leicht, wieein Phantom.

Müller brachte auch einen frommen historischen Sinn zu der Kritik, so daßer alles, was wie Geschehenes berichtet ward, mit einer Art von Religiositätbetrachtete, und nur mit Ängstlichkeit und Selbstüberwindung ein Vernich-tungsurteil über eine bis dahin geltende Tatsache aussprechen konnte. OhneZweifel ist ein solcher Sinn, wenn ihn Scharfsichtigkeit vor dem historischenAberglauben bewahrt, die Garantie der Geschichte, und ohne ihn gibt es keinensichern Grund in der Kritik. Gutmütig nahm unser Freund alle Nachrichtenund Sagen auf. Ihn von der historischen Ährenlese mit den reichen Gabenzurückkommen zu sehen, ist ein Bild aus einem frommen Zeitalter mit ein-fältigem Wahrheitssinne. (Karl Ludwig von Woltmann, Über Geschichts-forschung, geschichtliche Darstellung und Geschichtsschreibung, 1809.)

WUCHSHAFTE KRAFT ARNDTS

Arndt ist 1769 geboren: seine entscheidenden Jahre fallen also in das Zeit-alter der deutschen Romantik, der französischen Revolution und der napo-leonischen Kriege. Er gehört in den Bereich der großen Geisterbewegung,welche die Erkenntnis Herders und Kants, die Schöpfungen Goethes undSchillers weiterleitete und umgebildet anwandte in Wissenschaft, Schön-geisterei, Gesellschaft, Staat oder Kirche. Er gehört zu der Generation derFichte, Schelling, Schlegel, Novalis, Tieck, Schleiermacher oder (da er lang-samer reifte und von einer Außenprovinz der deutschen Bildung herkam)zu den Arnim, Görres, Brentano, Adam Müller.

Mit der Gesamtromantik teilt er den (von Herder erweckten) Sinn für dasWerden der Völker, für Eigenart jedes gewachsenen Wesens, die Treue zuangestammtem Blut- und Geisteserbe, die Witterung für das Heimelige,Lauschige, für die Wald- und Feldgeister germanischen Landes, für Brauch,Glaube, Wahn und Spuk des Volks, für Poesie und Symbolik der Stämme undder Stände, für Naturformen des Alltags. Aber Arndt drang näher als irgend-ein Romantiker zu diesen Volks- und Heimatgeheimnissen: sie kamen vomGeist aus dahin, er von der Natur, auf dem Weg der Sinne, als ein bäuerlicherMensch. Er stammt von der Insel Rügen, aus einem schwedischen Geschlechtvon Landwirten. Die Romantiker wurden durch Lektüre der alten Volks-bücher und Volkslieder erst wach für den Boden, woraus diese erwuchsen.Arndt lernte den Boden zuerst kennen und hatte ohne alle literatischen An-regungen den Sinn davon und dafür. Vom Wesen des deutschen Volks aus

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