lieh falschen revolutionären System — unsere oder die nächste Generationwird noch zu derselben Überzeugung gelangen." Es ist dies derselbe Byron,welcher sagt: „Ich betrachte Shakespeare als das schlechteste Vorbild, wennauch als den außerordentlichsten Dichter." Und sagt im Grunde Goethesgereifte künstlerische Einsicht aus der zweiten Hälfte seines Lebens nicht ge-nau dasselbe? — jene Einsicht, mit welcher er einen solchen Vorsprung übereine Reihe von Generationen gewann, daß man im großen Ganzen behauptenkann, Goethe habe noch gar nicht gewirkt und seine Zeit werde erst kommen?Gerade weil seine Natur ihn lange Zeit in der Bahn der poetischen Revolutionfesthielt, gerade weil er am gründlichsten auskostete, was alles indirekt durchjenen Abbruch der Tradition an neuen Funden, Aussichten, Hilfsmittelnentdeckt und gleichsam unter den Ruinen der Kunst ausgegraben worden war,so wiegt seine spätere Umwandlung und Bekehrung so viel: sie bedeutet, daßer das tiefste Verlangen empfand, die Tradition der Kunst wieder zu gewinnenund den stehengebliebenen Trümmern und Säulengängen des Tempels mit derPhantasie des Auges wenigstens die alte Vollkommenheit und Ganzheit an-zudichten, wenn die Kraft des Arms sich viel zu schwach erweisen sollte,zu bauen, wo so ungeheure Gewalten schon zum Zerstören nötig waren.So lebte er in der Kunst als in der Erinnerung an die wahre Kunst: sein DichtenWar zum Hilfsmittel der Erinnerung, des Verständnisses alter, längst ent-rückter Kunstzeiten geworden. Seine Forderungen waren zwar in Hinsichtauf die Kraft des neuen Zeitalters unerfüllbar; der Schmerz darüber wurdeaber reichlich durch die Freude aufgewogen, daß sie einmal erfüllt gewesensind, und daß auch wir noch an dieser Erfüllung teilnehmen können. NichtIndividuen, sondern mehr oder weniger idealische Masken, keine Wirklich-keit, sondern eine allegorische Allgemeinheit, Zeitcharaktere, Lokalfarbenzum fast Unsichtbaren abgedämpft und mythisch gemacht, das gegenwärtigeEmpfinden und die Probleme der gegenwärtigen Gesellschaft auf die einfach-sten Formen zusammengedrängt, ihrer reizenden, spannenden, pathologischenEigenschaften entkleidet, in jedem andern als dem artistischen Sinn wirkungs-los gemacht, keine neuen Stoffe und Charaktere, sondern die alten, längst-gewohnten in immerfort währender Neubeseelung und Umbildung: das istdie Kunst, so wie sie Goethe später verstand, so wie sie die Griechen, ja auchdie Franzosen übten. (Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches 1, 1876/1878.)
SCHILLER ALS BEGRÜNDER DER ALLGEMEINEN BILDUNG
*flan kann über den Wert und die Notwendigkeit einer allgemeinen Bildung,»»Volksbildung", verschiedener Meinung sein, in ihrer Schätzung sehr ab-deichen von dem selbstverständlichen Beifall, der ihr heute gespendet wird,a tar daß sie existiert, daß das Publikum nach Bildung verlangt, daß es sichÜI n Dichtung kümmert, daß das Drama auch höheren Stils gefordert wird,«aß Idealismus als populäre Phrase zum guten Ton gehört, daß die Beschäfti-gung mit Kunstfragen und Lebensproblemen im Publikum selbst, wo nichtv °t"handen ist, so doch geheuchelt werden muß: kurz, daß Geist und Publikum,^unst und Volk in eine, wenn auch noch so fratzenhafte, verlogene und
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