Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
210
Einzelbild herunterladen
 

Der Dichter weiß, daß der Mensch immer das Große, Erhabene, übermensch-liche sucht, aber daß er, um es festzuhalten, es sich aneignen, es mensch-lich machen muß. Darum führt er ihn erst in kühnen Flügen dazu hin undläßt ihm hernach Zeit, es unter veränderten Formen sich näher zu bringen.Er wechselt die Töne, um aus seinem Werk ein Ganzes zu machen, das demwirklichen Leben selbst gleich sei. (Wilhelm von Humboldt, Über GoethesHermann und Dorothea, 1797/1798.)

BÄNDIGUNG DER NEU AUFGEBROCHENEN KRÄFTE IN GOETHE

Der moderne Geist ist mit seiner Unruhe, seinem Haß gegen Maß und Schrankeauf allen Gebieten zur Herrschaft gekommen, zuerst entzügelt durch das Fie-ber der Revolution und dann wieder sich Zügel anlegend, wenn ihn Angstund Grauen vor sich selber anwandelte, aber die Zügel der Logik, nicht mehrdes künstlerischen Maßes. Zwar genießen wir durch jene Entfesselung eineZeit lang die Poesien aller Völker, alles an verborgenen Stellen Aufgewachsene,Urwüchsige, Wildblühende, Wunderlich-Schöne und Riesenhaft-Unregel-mäßige, vom Volksliede an bis zumgroßen Barbaren" Shakespeare hinauf,wir schmecken die Freuden der Lokalfarbe und des Zeitkostüms, die allenkünstlerischen Völkern bisher fremd waren, wir benutzen reichlich diebar-barischen Avantagen" unserer Zeit, welche Goethe gegen Schiller geltendmachte, um die Formlosigkeit seines Faust in das günstigste Licht zu stellen.Aber auf wie lange noch? Die hereinbrechende Flut von Poesien aller Stile,aller Völker muß ja allmählich das Erdreich hinwegschwemmen, auf dem einstilles verborgenes Wachstum noch möglich gewesen wäre. Alle Dichtermüssen ja experimentierende Nachahmer, waghalsige Kopisten werden, magihre Kraft von Anbeginn noch so groß sein. Das Publikum endlich, welches ver-lernt hat, in der Bändigung der darstellenden Kraft, in der organisierendenBewältigung aller Kunstmittel die eigentliche künstlerische Tat zu sehn,muß immer mehr die Kraft um der Kraft willen, die Farbe um der Farbewillen, den Gedanken um des Gedankens willen, die Inspiration um der In-spiration willen schätzen, es wird demgemäß die Elemente und Bedingungendes Kunstwerks gar nicht, wenn nicht isoliert, genießen und zu guter Letztdie natürliche Forderung stellen, daß der Künstler sie ihm auch isoliert dar-reichen müsse. Ja, man hat dieunvernünftigen" Fesseln der französisch-griechischen Kunst abgeworfen, aber unvermerkt sich daran gewöhnt, all eFesseln, alle Beschränkung unvernünftig zu finden; und so bewegt sichdie Kunst ihrer Auflösung entgegen und streift dabei was freilich höchstbelehrend ist alle Phasen ihrer Anfänge, ihrer Kindheit, ihrer Unvollkorn-menheit, ihrer einstmaligen Wagnisse und Ausschreitungen: sie interpretiert,im Zugrundegehen, ihre Entstehung, ihr Werden. Einer der Großen, aufdessen Instinkt man sich wohl verlassen kann und dessen Theorie nichtsweiter als ein dreißig Jahre Mehr von Praxis fehlte, Lord Byron hat einmalausgesprochen:Was die Poesie im allgemeinen anlangt, so bin ich, je mehrich darüber nachdenke, immer fester der Überzeugung, daß wir allesamt au»dem falschen Wege sind, einer wie der andere. Wir folgen alle einem innef-

2IO