GOETHES GESTALTUNGSWEISE
Noch ehe der Dichter Dorothea wirklich auftreten läßt, erschien sie schonin der Umwandlung von Hermanns Gestalt und Wesen, welche die beiseinen Eltern versammelten Freunde gleich beim Hereintreten an ihm be-merken.
Die Schönheit des Moments, wo in der beginnenden Reife des Jünglings-alters ein Gegenstand sich plötzlich der Seele bemeistert, weil in Einem Augen-blick eine Leidenschaft angefacht wird, die für das ganze übrige Leben fort-dauern soll, wird durch diese Stelle und die ganze Schilderung der nun ersterwachenden Gefühle Hermanns in allem ihrem Reize vor das Gemüt desLesers gebracht. Die Veränderung, die er in seinem Leben erfährt, erinnertan die wohltätige Kraft, mit der Homers Götter und Göttinnen ihren Lieb-lingshelden höhere Schönheit und übermenschliche Größe verliehen, undvertritt die Stelle des Wunderbaren, das in seiner wahren und antiken Gestaltin einer Komposition, wie das gegenwärtige Gedicht ist, keinen Platz findenkonnte. Aber wenn es nun hier jenen überirdisch strahlenden Glanz ent-behren muß, so führt es uns desto tiefer in uns selbst zurück. Wieviel wirauch, sagt es uns, an uns bessern und modeln, so erzeugt sich die eigentlicheGestalt, die wir annehmen, doch allein und uns unbewußt aus uns selbst.Gerade die Gefühle, die uns am mächtigsten beherrschen, schießen wie Blitzeaus unbekannten Tiefen unseres Ichs hervor, durchstrahlen unser ganzes Wesenso lebendig und heben es so ganz aus den gewohnten Kreisen unseres Daseinsheraus, daß wir durchaus als veränderte Menschen erscheinen.Durch eine so wundervolle Umwandlung Hermanns auf ihre nur erst dunkelgeahndete Ursache, durch die kraftvollen Worte, durch die sein Vater dasSchicksal seines Vaterlandes und das Glück seiner Familie in einen herzlichenWunsch vereinigt, auf ihn selbst vorbereitet, wie tritt da Dorotheens Gestalt
doppelt bedeutend hervor 1--------
Das Mädchen aber, das wir bisher bloß in dem Spiegel des Eindrucks sahen,den es gemacht hatte, glich noch zu sehr jenen zauberischen Schattenbildern,die wie aus einer andern Welt zu uns herüberstrahlen, sie soll jetzt zur Wirk-lichkeit, ins Leben herabgeführt werden, wir sollen ihr nähertreten, ihreSchicksale kennen, sie nicht mehr bloß mit dem bezauberten Blick der Liebe,sondern mit dem natürlichen Auge des bloßen Beobachters ansehen,wir finden Dorotheen noch ebensogut und brav als vorher, aber der Zauberls t hinweggenommen, der sie bis dahin, wie ein leiser Hauch, überkleidete.*hre hilfreiche Tätigkeit, die erst etwas Heroisches hatte, ist mehr zu dienst-barer und gefälliger Geschäftigkeit geworden, sie erscheint als Weib und alsMädchen, da wir sie vorher gern in Hermanns Seele in der Sprache Homersgefragt hätten, ob sie nicht der Göttinnen eine sei, herabgekommen, den Men-schen zu helfen und ihr Herz zu versuchen? Dadurch erhält ihr Bild bei unseine ganz eigne Wahrheit: es ist nun so, wie wir es immer im Leben wirklicha ntreffen. Das Wesen bleibt immer und durchaus in allem seinem Wirkenü nd Tun dasselbe, aber es gibt Momente, wo es, von höherer Begeisterungdurchstrahlt, etwas Göttliches und Überirdisches annimmt.
*5 Wolters, Der Deutsche. III. 2. ^^«
209