Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssiggemacht worden. Schon in die erste Anschauung der Dinge hätten Sie danndie Form des Notwendigen aufgenommen, und mit Ihren ersten Erfahrungenhätte sich der große Stil in Ihnen entwickelt. Nun, da Sie ein Deutscher ge-boren sind, da Ihr griechischer Geist in diese nordische Schöpfung geworfenwurde, so blieb Ihnen keine andere Wahl, als entweder selbst zum nordischenKünstler zu werden oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeitvorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu ersetzen und so gleichsam voninnen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären.In derjenigen Lebens-Epoche, wo die Seele sich aus der äußern Welt ihreinnere bildet, von mangelhaften Gestalten umringt, hatten Sie schon einewilde und nordische Natur in sich aufgenommen, als Ihr siegendes, seinemMaterial überlegenes Genie diesen Mangel von innen entdeckte und vonaußen her durch die Bekanntschaft mit der griechischen Natur davon ver-gewissert wurde. Jetzt mußten Sie die alte, Ihrer Einbildungskraft schon auf-gedrungene, schlechtere Natur nach dem besseren Muster, das Ihr bildenderGeist sich erschuf, korrigieren, und das kann nun freilich nicht anders alsnach leitenden Begriffen vonstatten gehen. Aber diese logische Richtung,welche der Geist bei der Reflexion zu nehmen genötig ist, verträgt sich nichtwohl mit der ästhetischen, durch welche allein er bildet. Sie hatten also eineArbeit mehr: denn so wie Sie von der Anschauung zur Abstraktion übergingen,so mußten Sie nun rückwärts Begriffe wieder in Intuitionen umsetzen undGedanken in Gefühle verwandeln, weil nur durch diese das Genie hervor-bringen kann.
So ungefähr beurteile ich den Gang Ihres Geistes, und ob ich Recht habe, werdenSie selbst am besten wissen. Was Sie aber schwerlich wissen können (weildas Genie sich immer selbst das größte Geheimnis ist), ist die schöne Über-einstimmung Ihres philosophischen Instinktes mit den reinsten Resultatender spekulierenden Vernunft. Beim ersten Anblicke zwar scheint es, als könntees keine größeren Opposita geben, als den spekulativen Geist, der von der Ein-heit, und den intuitiven, der von der Mannigfaltigkeit ausgeht. Sucht aber dererste mit keuschem und treuem Sinn die Erfahrung, und sucht der letzte mitselbsttätiger freier Denkkraft das Gesetz, so kann es gar nicht fehlen, daß nichtbeide einander auf halbem Wege begegnen werden. Zwar hat der intuitiveGeist nur mit Individuen und der spekulative nur mit Gattungen zu tun. Istaber der intuitive genialisch, und sucht er in dem Empirischen den Charakterder Notwendigkeit auf, so wird er zwar immer Individuen, aber mit demCharakter der Gattung erzeugen; und ist der spekulative Geist genialisch, undverliert er, indem er sich darüber erhebt, die Erfahrung nicht, so wird er zwarimmer nur Gattungen, aber mit der Möglichkeit des Lebens und mit g e "gründeter Beziehung auf wirkliche Objekte erzeugen.
Aber ich bemerke, daß ich anstatt eines Briefes eine Abhandlung zu schreibenim Begriff bin — verzeihen Sie es dem lebhaften Interesse, womit dieserGegenstand mich erfüllt hat, und sollten Sie Ihr Bild in diesem Spiegel nichterkennen, so bitte ich sehr, fliehen Sie ihn darum nicht. (Schiller an Goethe»I794-)
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