glaubte, er dürfe ebenso melancholisch sein, als der Prinz von Dänemark,ob er gleich keinen Geist gesehn und keinen königlichen Vater zu rächenhatte.
Damit aber ja allem diesem Trübsinn nicht ein vollkommen passendes Lokalabgehe, so hatte uns Ossian bis ans letzte Thule gelockt, wo wir denn aufgrauer, unendlicher Heide, unter vorstarrenden, bemoosten Grabsteinen wan-delnd das durch einen schauerlichen Wind bewegte Gras um uns und einenschwer bewölkten Himmel über uns erblickten. Bei Mondenschein ward dannerst diese kaledonische Nacht zum Tage. Untergegangene Helden, verblühteMädchen umschwebten uns, bis wir zuletzt den Geist von Loda wirklich inseiner furchtbaren Gestalt zu erblicken glaubten. (Goethe, Wahrheit undDichtung, 1811/1814.)
VIELFALT DER DEUTSCHEN PROSE
Wielands langatmige, gehalten sich entwickelnde Prose ist das rechte Sprech-organ der Sokratik, welche ihn eigentümlich auszeichnet bis zum Scheineder Veränderlichkeit. Nicht nur der sokratische Spott fordert die Langsam-keit der Länge, sondern auch die gehaltene Kraft, womit Wieland mehr alsirgendein Autor, wie ein Astronom, die größte und die kleinste Entfernungfür die mittlere zu berechnen und aus den gezeichneten Enden in die Mittezurückzuführen weiß. Als ein solches Sternbild der geistigen Wage hebt ersich langsam Stern nach Stern empor, um uns die Gleichheit unsers innernTags und unserer Nacht vorzuwagen. Da es aber eine Tag- und Nachtgleichegibt, welche den poetischen Frühling, und eine zweite, welche den prosaischenHerbst mitbringt: so werden wir dem Griechen und dem Deutschen jedem eineandere geben müssen. Philosophen haben überhaupt lange Perioden, gleichsamdie Augenhalter dessen, dem sie den Star wegheilen, und Wieland ist ein großerLebens-Philosoph. —
Besucht Herders Schöpfungen, wo griechische Lebens-Frische und indischeLebens-Müde sich sonderbar begegnen: so geht ihr gleichsam in einem Mond-schein, in welchen schon Morgenröte fällt, aber eine verborgene Sonne malt
ja beide.--------■
*n Goethens Prose bildet — wenn in der vorigen die Töne poetische Gestaltenlegen — umgekehrt die feste Form den Memnons Ton. Ein plastisches Run-den und zeichnendes Abschneiden, das sogar den körperlichen Künstler ver-rät, machen seine Werke zum festen, stillen Bilder- und Abgußsaal.Hamanns Stil ist ein Strom, den gegen die Quelle ein Sturm zurückdrängt,So daß die deutschen Marktschiffe darauf gar nicht anzukommen wissen.Luthers Prose ist eine halbe Schlacht; wenige Taten gleichen seinen Worten.Klopstocks Prose, dem Schlegel zuviel Grammatik nicht ganz unrichtig vor-warf, zeigt häufig eine fast Stoff arme Sprech-Schärfe, was eben Sprachlehrernw >e Logikern eigen ist, welche am meisten gewiß, aber am wenigsten vielWissen. Überhaupt bei der Einschränkung auf einen engen Stoff will sichder denkende Kopf durch die Anstrengungen zur Sprechkürze Genüsse be-bten. Neue Welt-Ansichten wie die genannten vorigen Dichter gab er wenig.
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