Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
204
Einzelbild herunterladen
 

tersten wie die ernstesten Werke haben den gleichen Zweck, durch eine glück-liche geistreiche Darstellung so Lust als Schmerz zu mäßigen. Man betrachtenun in diesem Sinne die Mehrzahl der englischen meist moralischen, didak-tischen Gedichte, und sie werden im Durchschnitt nur einen düstern Über-druß des Lebens zeigen. Nicht Youngs Nachtgedanken allein, wo diesesThema vorzüglich durchgeführt ist, sondern auch die übrigen betrachtendenGedichte schweifen, eh man sichs versieht, in dieses traurige Gebiet, wo demVerstände eine Aufgabe zugewiesen ist, die er zu lösen nicht hinreicht, da ihnja selbst die Religion, wie er sich solche allenfalls erbauen kann, im Stiche

läßt.--------

Was ferner die englischen Dichter noch zu Menschenhassern vollendet unddas unangenehme Gefühl von Widerwillen gegen alles über ihre Schriftenverbreitet, ist, daß sie sämtlich, bei den vielfachen Spaltungen ihres Gemein-wesens, wo nicht ihr ganzes Leben, doch den besten Teil desselben, einer oderder andern Partei widmen müssen. Da nun ein solcher Schriftsteller die sei-nigen, denen er ergeben ist, die Sache, der er anhängt, nicht loben und heraus-streichen darf, weil er sonst nur Neid und Widerwillen erregen würde, so übter sein Talent, indem er von den Gegnern so übel und schlecht als möglichspricht und die satirischen Waffen, so sehr er nur vermag, schärft, ja vergiftet.Geschieht dieses nun von beiden Teilen, so wird die dazwischenliegende Weltzerstört und rein aufgehoben, so daß man in einem großen, verständig tätigenVolksverein zum allergelindesten nichts als Torheit und Wahnsinn entdeckenkann. Selbst ihre zärtlichen Gedichte beschäftigen sich mit traurigen Gegen-ständen. Hier stirbt ein verlassenes Mädchen, dort ertrinkt ein getreuer Lieb-haber oder wird, ehe er voreilig schwimmend seine Geliebte erreicht, voneinem Haifisch gefressen; und wenn ein Dichter, wie Gray, sich auf einemDorfkirchhofe lagert und jene bekannten Melodien wieder anstimmt, so kanner versichert sein, eine Anzahl Freunde der Melancholie um sich zu versam-meln. Miltons Allegro muß erst in heftigen Versen den Unmut verscheuchen,ehe er zu einer mäßigen Lust gelangen kann, und selbst der heitere Gold-smith verliert sich in elegische Empfindungen, wenn uns sein Deserted Villageein verlorenes Paradies, das sein Traveller auf der ganzen Erde wiedersucht,so lieblich als traurig darstellt.

Ich zweifle nicht, daß man mir auch muntre Werke, heitere Gedichte werdevorzeigen und entgegensetzen können; allein die meisten und besten derselbengehören gewiß in die ältere Epoche, und die neueren, die man dahin rechnenkönnte, neigen sich gleichfalls gegen die Satire, sind bitter und besonders dieFrauen verachtend.

Genug, jene oben im allgemeinen erwähnten, ernsten und die menschlicheNatur untergrabenden Gedichte waren die Lieblinge, die wir uns vor allen andernaussuchten, der eine, nach seiner Gemütsart, die leichtere elegische Trauer, derandere die schwer lastende, alles aufgebende Verzweiflung suchend. Sonderbargenug bestärkte unser Vater und Lehrer Shakespeare, der so reine Heiterkeitzu verbreiten weiß, selbst diesen Unwillen. Hamlet und seine Monologe«blieben Gespenster, die durch alle jungen Gemüter ihren Spuk trieben. DieHauptstellen wußte ein jeder auswendig und rezitierte sie gern, und jedermann

204