hatten. Es war eine kahle, traurige Zeit für die Poesie, Lessings Zeit; der Irr-stern der französischen Literatur, der um das Jahrhundert Ludwigs des Vier-zehnten in Frankreich aufstieg und in dem nichts als das auseinanderge-brochene Bild dieses bornierten, engherzigen, geschnürten, aber die Majestätgut repräsentierenden Fürsten erschien, streckte seinen Schweif über Deutsch-land herüber und erstickte in seinen Dämpfen den schwachen Funken vonpoetischer Originalität, der dort noch glimmte, und die gegossenen Gänseund Nymphen und Oreaden in den großen Kunstwasserwerken gössen nunStröme dieses Elementes aus, und in dem seichten Gewässer hockten in allerBehaglichkeit die deutschen Karpfen und saßen fest auf dem Grunde undrührten sich nicht und fraßen Schlamm und wurden fett dabei. Es mußtenwelche von mehr tätiger, selbständiger Natur aus dem Hechtgeschlechte auf-stehen und unter sie fahren und sie aus dem Moder herauftreiben, wenn siegenießbar werden sollten. Von diesem Geschlechte war Lessing für seine Zeitdas, was sein Herausgeber für die gegenwärtige ist. Das Feuer seiner innerenNatur machte das Wasser um ihn her verzischen, und trockenen Fußes wandelteer durch die allgemeine Sündflut hindurch. Seine Polemik war eine richtigeHaltung; ein besonnenes, kaltblütiges, unverrücktes Blicken in das Augeseines Gegners; ein geschicktes, gewandtes Ausparieren ihrer meistens soplumpen, ungelenken Angriffe und ein dagegen richtig abgemessenes, kräftigesAusfallen auf jede Blöße, die sie gaben. In der Kunst, in der Religion undüberall verfolgte er selbständig seinen Gang durch die Mitte der entgegen-gesetzten Parteien hindurch, in die gewöhnlich bei jeder neuen, großen Idee,die in das Zeitalter fällt, die Mittelmäßigkeit sich zersetzt. Sie sahen ihm ver-wundert nach, wie er durch ihre Reihen ging, stolz und keck, ohne rechtsauszubeugen oder links; sie sagten sich beide los von ihm und hätten ihn gernegemißhandelt, die Wahrheit aber entrückte ihn ihren Augen. Sein Geniewar nicht jenes allumfassende, kosmische, das immer nach dem Grenzenlosentreibt, sondern von beschränkterer, mehr individueller Natur; . . . LessingsGenie lag sozusagen nicht in ihm, sondern im Altertume und seinen Kunst-schöpfungen. Die Antike begeisterte ihn, im unverrückten Schauen aufdiese Bildungen sind seine eigenen ästhetischen Gestaltungen geworden. In-dem der Strahl der alten Kunst hineinschien in sein Gemüt, malte sich in-wendig die moderne Welt, die ihn umgab, im Lichte der Vergangenheit, wäh-rend die anderen gleichzeitigen Gestaltungen meist nichts als matte Schattensind, die das kümmerliche, trübe Tageslicht hinter die dunklen ungeformtenMassen warf. Daher sind seine poetischen Schöpfungen nicht Werke, in denendie Lebensflamme von innen heraus selbständig brennt und strahlt, sondern dasBildende erscheint von außen hinein erwärmt, und in der Konzentration derBegeisterung gleichsam zum Rotglühen gebracht, und strahlt nun Wärme umsich her, als ob es davon die Quelle in sich trüge. (Görres, Aurora, 1804.)
HERDERS WELTPRINZIP: DIE ENTWICKLUNG ZUR HUMANITÄT
Herder war Mensch im reinsten Sinn, Bürger, Philosoph und Dichter. DiePoesie im engern Sinn galt ihm nicht bloß als einem produktiven Dichter, er
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