suchte sie auch bei allen anderen Nationen auf und vermittelte sie dem Bedürfnisseiner Landsleute. Dabei galt ihm auf gleiche Weise die Philosophie und daspraktische Leben, und er war ein Bekenner des Wahren und Guten wie desSchönen. Wer aber in dieser Harmonie die höchsten Ideale für die höchstenÄußerungen der menschlichen Seele als eine Gottheit in dreifacher Erschei-nung verehrt, ihnen die Flammen seines Herzens auf einem Altar lodernläßt, dessen ganzes Wesen muß von Poesie durchdrungen, muß selbst Poesiesein. Eine solche Vereinigung ist nur im poetischen Gemüte möglich. DerUrquell aller dieser Richtungen und Bestrebungen, der Urquell einer so allum-fassenden Sehnsucht und Liebe ist nur das Herz. Wie in ihrem innersten Le-bensprinzip für sich, so in ihrer Erscheinung für andre ist sie poetisch. Darumhat Jean Paul, Herders innigster Verehrer, den kurzen und treffenden Aus-spruch getan: er war mehr ein Gedicht, als ein Dichter.
Die große Wirkung, die Herders Schriften auf die Deutschen gemacht, wirdseinem Genius im Ganzen verdankt, nicht einzelnen dichterischen Schöp-fungen.
Was Herder mit dem Ausdruck Humanität als das Ziel seines ganzen Strebenssich bezeichnet, war die Blütenkrone alles Menschlichen, das Ideale, Reine,Edle, Schöne, zu dem alle Zeiten und Völker, alle Institute führen sollen,für dessen Erreichung die Menschheit zu leben scheint. Er sah in der Welt einorganisches Ganzes, eine Pflanze, die in ihrer fortschreitenden Entwicklungjene Blüte des Edlen und Schönen tragen soll. Entwicklung war ihm das Wesender Welt, kein Stillstand, kein Zwiespalt ohne höhere Bindung. In dieser An-schauung eines lebendigen Werdens der Welt, ihres Wachstums, ihrer Ver-edlung ging seine Philosophie der von Schelling voran.
Er sah alle Individuen und Völker nur als die Materie, alle Lebenskreise undEinrichtungen nur als die Form an, in welcher jene Entwicklung verwirklichtwird. Er verband sie durch dieselbe alle in einem Geist und Leben. Seine Ideenzur Philosophie der Geschichte der Menschheit zeigen uns seinen Genius imWeitesten Umfang und umfassen der Anlage nach alle seine Ansichten undRichtungen. Aber die Ausführung konnte diesem Plane nicht genügen.Keine Form wäre derselben gewachsen gewesen. Er fühlte dies wohl, be-zeichnete das Fragmentarische im Titel und überließ es dem richtigen Taktder Mit- und Nachwelt, alle seine übrigen Schriften als Anhänge oder fort-gesetzte Fragmente dieses Werks anzuerkennen.
Er begann sein großes Gemälde von der Entwicklung der Welt mit der Dar-stellung der physischen Welt als eines Werdenden. Wir dürfen nicht verkennen,daß er dadurch eine höchst poetische Wirkung auf sein Zeitalter hervorge-bracht und nicht minder die Wissenschaft, wenigstens die Methodik, bereichert.Ein großes lebendiges Gemälde der Natur, das auch den Profanen verständlichu nd eindringlich gewesen wäre, fehlte den Deutschen bisher. Die umfassendeAnsicht des Ganzen, das Entwickeln des Schönen im einzelnen verschwisterts ich hier zur glänzendsten Wirkung. Wenn andere das All der Natur uns als einMechanisches Räderwerk kalt konstruiert, hauchte er ihm ein organischesLeben ein und weckte das warme Gefühl dafür in jeder Brust. Wenn anderedie einzelnen Erscheinungen der Natur wohl numeriert und klassifiziert uns
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