Sonderbar ist es, daß Winckelmann die Leipziger Akademie nicht bezog, wo erunter Christs Anleitung und ohne sich um einen Philosophen in der Welt zu be-kümmern, sich in seinem Hauptstudium bequemer hätte ausbilden können.Doch steht, indem uns die Ereignisse der neuern Zeit vorschweben, eine Be-merkung hier wohl am rechten Platze, die wir auf unserm Lebenswege machenkönnen, daß kein Gelehrter ungestraft jene große philosophische Bewegung,die durch Kant begonnen, von sich abgewiesen, sich ihr widersetzt, sie ver-achtet habe, außer etwa die echten Altertumsforscher, welche durch die Eigen-heit ihres Studiums vor allen andern Menschen vorzüglich begünstigt zu seinscheinen.
Denn indem sie sich nur mit dem Besten, was die Welt hervorgebracht hat,beschäftigen, und das Geringe, ja das Schlechtere nur in bezug auf jenes Vor-treffliche betrachten, so erlangen ihre Kenntnisse eine solche Fülle, ihre Ur-teile eine solche Sicherheit, ihr Geschmack eine solche Konsistenz, daß sieinnerhalb ihres eignen Kreises bis zur Verwunderung, ja bis zum Erstaunen,ausgebildet erscheinen.
Auch Winckelmann gelang dieses Glück, wobei ihm freilich die bildende KunstUnd das Leben kräftig einwirkend zu Hilfe kamen.
So sehr Winckelmann bei Lesung der alten Schriftsteller auch auf die DichterRücksicht genommen, so finden wir doch bei genauer Betrachtung seinerStudien und seines Lebensganges keine eigentliche Neigung zur Poesie, jaman könnte eher sagen, daß hie und da eine Abneigung hervorblicke; wiedenn seine Vorliebe für alte gewohnte Luthersche Kirchenlieder und sein Ver-langen, ein solches unverfälschtes Gesangbuch selbst in Rom zu besitzen,Wohl von einem tüchtigen, wackern Deutschen, aber nicht eben von einemFreunde der Dichtkunst zeuget.
Die Poeten der Vorzeit schienen ihn früher als Dokumente der alten Sprachenund Literaturen, später als Zeugnisse für bildende Kunst interessiert zu haben.Desto wunderbarer und erfreulicher ist es, wenn er selbst als Poet auftritt,Und zwar als ein tüchtiger, unverkennbarer in seinen Beschreibungen derStatuen, ja beinahe durchaus in seinen spätem Schriften. Er sieht mit denAugen, er faßt mit dem Sinn unaussprechliche Werke, und doch fühlt er denunwiderstehlichen Drang, mit Worten und Buchstaben ihnen beizukommen.Das vollendete Herrliche, die Idee, woraus diese Gestalt entsprang, das Gefühl,das in ihm beim Schauen erregt ward, soll dem Hörer, dem Leser mitgeteiltVerden, und indem er nun die ganze Rüstkammer seiner Fähigkeiten mustert,sieht er sich genötigt, nach dem Kräftigsten und Würdigsten zu greifen, was'hm zu Gebote steht. Er muß Poet sein, er mag daran denken, er mag wollen°der nicht. (Goethe, Winckelmann und sein Jahrhundert, 1805.)
DER HECHT IM KARPFENTEICH: LESSING
Messing war wie die Nießwurz, die auf den Hügeln blühet, wenn die Felder weitü mher noch mit Schnee bedeckt sind; wie sie sollte er die Köpfe seiner Zeit-& e nossen reinigen und sie befreien von den bösen Dünsten und den vielenWässerigen, kalten, schleimigen Feuchtigkeiten, die sich auf sie geworfen
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