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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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Und so ist alles, was er uns hinterlassen, als ein Lebendiges für die Lebendigen,nicht für die im Buchstaben Toten geschrieben. Seine Werke, verbunden mitseinen Briefen, sind eine Lebensdarstellung, sind ein Leben selbst. Sie sehen,wie das Leben der meisten Menschen, nur einer Vorbereitung, nicht einemWerke gleich. Sie veranlassen zu Hoffnungen, zu Wünschen, zu Ahnungen;wie man daran bessern will, so sieht man, daß man sich selbst zu bessern hätte;wie man sie tadeln will, so sieht man, daß man demselbigen Tadel vielleichtauf einer höheren Stufe der Erkenntnis selbst ausgesetzt sein möchte; dennBeschränkung ist überall unser Los.

Da bei dem Fortrücken der Kultur nicht alle Teile des menschlichen Wirkensund Umtreibens, an denen sich die Bildung offenbart, in gleichem Wachstumgedeihen, vielmehr, nach günstiger Beschaffenheit der Personen und Um-stände, einer dem andern voreilen und ein allgemeineres Interesse erregen muß,so entsteht daraus ein gewisses eifersüchtiges Mißvergnügen bei den Gliedernder so mannigfaltig verzweigten großen Familie, die sich oft um desto wenigervertragen, je näher sie verwandt sind.

Zwar ist es meistens eine leere Klage, wenn sich bald diese oder jene Kunst-und Wissenschaftsbeflissene beschweren, daß gerade ihr Fach von den Mit-lebenden vernachlässigt werde; denn es darf nur ein tüchtiger Meister sichzeigen, so wird er die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Raphael möchte nurimmer heute wieder hervortreten, und wir wollten ihm ein Übermaß von Ehreund Reichtum zusichern. Ein tüchtiger Meister weckt brave Schüler, und ihreTätigkeit ästet wieder ins Unendliche.

Doch haben freilich von jeher die Philosophen besonders den Haß, nicht alleinihrer Wissenschaftsverwandten, sondern auch der Welt- und Lebensmenschenauf sich gezogen, und vielleicht mehr durch ihre Lage, als durch eigene Schuld.Denn da die Philosophie ihrer Natur nach an das Allgemeinste, an das HöchsteAnforderung macht, so muß sie die weltlichen Dinge als in ihr begriffen,als ihr untergeordnet ansehen und behandeln.

Auch verleugnet man ihr diese anmaßlichen Forderungen nicht ausdrücklich,vielmehr glaubt jeder, ein Recht zu haben, an ihren Entdeckungen teilzu-nehmen, ihre Maximen zu nutzen und, was sie sonst reichen mag, zu ver-brauchen. Da sie aber, um allgemein zu werden, sich eigener Worte, fremd-artiger Kombinationen und seltsamer Einleitungen bedienen muß, die mit denbesonderen Zuständen der Weltbürger und mit ihren augenblicklichen Be-dürfnissen nicht eben zusammenfallen, so wird sie von denen geschmäht,die nicht gerade die Handhabe finden können, wobei sie allenfalls noch anzu-fassen wäre.

Wollte man aber dagegen die Philosophen beschuldigen, daß sie selbst denÜbergang zum Leben nicht sicher zu finden wissen, daß sie gerade da, wo sieihre Überzeugung in Tat und Wirkung verwandeln wollen, die meisten Fehl-griffe tun und dadurch ihren Kredit vor der Welt selbst schmälern, so würdees hierzu an mancherlei Beispielen nicht fehlen.

Winckelmann beklagt sich bitter über die Philosophen seiner Zeit und überihren ausgebreiteten Einfluß; aber mich dünkt, man kann einem jeden Ein-fluß aus dem Wege gehen, indem man sich in sein eigenes Fach zurückzieht.

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