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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
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wie er hier unter Schriften, dort unter Denkmälern Auge und Geist gebildet;wie er seine Werke, so wie Raphael seine Gemälde, mit Feuer entwarf und miteinem glücklichen Phlegma vollendete; wie er eine systematische Geschichteunter Ruinen und Überbleibseln liefern konnte: sondern ich muß mich hierbloß auf die Schreibart einschränken. So wie die attischen Jünglinge an demAltar der Pallas Aglauros ihrem Vaterlande den Eid der Liebe schwuren, sohat die Muse auch auf seine Schriften geschrieben: dem Vaterlande geweihet.Wenn ich mir zum Gebäude des Körpers die weise Einfalt des Sokrates,des Lehrers der Grazie, denke; wenn ich diesem Körper das Gewand der Naturvon Xenophon, und von dem anderen Schüler Sokrates, dem göttlichenPlato, die Flügel hoher Ideen gebe: so steht ein Bild vor mir, als wenn esdie Muse der Winckelmannschen Schriften wäre. Einfältig im Vortrage,natürlich in der Ausführung und erhaben in den Schilderungen sind die Werkeder Unsterblichkeit würdig und der Name unseres Jahrhunderts. (Herder,Denkmal Johann Winckelmanns, 1777.)

WINCKELMANNS LEIDENSCHAFTLICHE GRUNDKRÄFTE

Schon als Winckelmann zuerst in Dresden der Kunst und den Künstlern sichnäherte und in diesem Fach als Anfänger erschien, war er als Literator ein ge-machter Mann. Er übersah die Vorzeit so wie die Wissenschaften in manchemSinne. Er fühlte und kannte das Altertum sowie das Würdige der Gegen-wart, des Lebens und des Charakters, selbst in seinem tiefgedrückten Zustande.Er hatte sich einen Stil gebildet. In der neuen Schule, die er betrat, horchte ernicht nur als ein gelehriger, sondern als ein gelehrter Jünger seinen Meisternzu, er horchte ihnen ihre bestimmten Kenntnisse leicht ab und fing sogleichan, alles zu nutzen und zu verbrauchen.

Auf einem höhern Schauplatze, als zu Dresden, in einem höhern Sinne, dersich ihm geöffnet hatte, blieb er derselbige. Was er von Mengs vernahm,Was die Umgebung ihm zurief, bewahrte er nicht etwa lange bei sich, ließden frischen Most nicht etwa gären und klar werden, sondern, wie mansagt, daß man durch Lehren lerne, so lernte er im Entwerfen und Schreiben.Wie manchen Titel hat er uns hinterlassen, wie manche Gegenstände be-nannt, über die ein Werk erfolgen sollte, und diesem Anfang glich seineganze antiquarische Laufbahn. Wir finden ihn immer in Tätigkeit, mitdem Augenblick beschäftigt, ihn dergestalt ergreifend und festhaltend, alsWenn der Augenblick vollständig und befriedigend sein könnte, und ebensoHeß er sich wieder vom nächsten Augenblicke belehren. Diese Ansichtdient zur Würdigung seiner Werke.

Daß sie so, wie sie da liegen, erst als Manuskript auf das Papier gekommenu nd sodann später im Druck für die Folgenzeit fixiert worden, hing von un-e ndlich mannigfaltigen, kleinen Umständen ab. Nur einen Monat später, sohätten wir ein anderes Werk, richtiger an Gehalt, bestimmter in der Form,vielleicht etwas ganz anderes. Und eben darum bedauern wir höchlich seinenfrühzeitigen Tod, weil er sich immer wieder umgeschrieben und immer seinferneres und neuestes Leben in seine Schriften eingearbeitet hätte.

J 4 Wolters, Der Deutsche. 111,2. _ Q _