derung aller außerwesentlichen Umstände, in einem so lichtvollen, faßlichen,zweckmäßig geschmückten Vortrage, daß manche sich wunderten, daß einMann, der so sprechen könnte, nicht öfter sich hören ließe. Warum er diesnicht tat, dafür hatte er einen ganz natürlichen Grund. Er wollte nie sprechen,bloß um sich hören zu lassen.
Von der Feinheit seines Geschmackes, der Zartheit seiner Empfindung und derDelikatesse seines Gefühles zeugen seine unsterblichen Schriften. Ohne vor-gängige Muster, hat er seine poetische Sprache und die zauberhafte Harmonieseiner Prose größtenteils aus sich selber gebildet. — Sehr wenige seiner Alters-genossen haben sich an ihrer Stelle so gut behauptet. Sie tragen meist alle denStempel der Zeit. Wer damals für klassisch galt, ist oft kaum mehr lesbar.Der Ausdruck ist veraltet, Bilder und Wendungen abgenutzt und die ganzeFarbe verblichen. Geßners Sprache ist noch heutzutage so neu und frisch alsvor Jahren. Er genießt das Vorrecht einer unverwelklichen Jugend, wie Apollund Bacchus. Ich sehe hiervon keinen andern Grund, als die ungewöhnlicheFeinheit seines Geschmackes. Andre gingen in dieser Rücksicht neben, ervor seinem Zeitalter. Was er wählte, das hat die Probe gehalten: was er ver-warf, das ist von der zunehmenden Kultur schon längstens für Kontrebande
erklärt worden.-------
Eben der Mann, welcher uns die kleinsten Schönheiten der Natur und die fein-sten Reize der Tugend und Unschuld in seinen Gedichten so treu und wahrschildert, hatte auch einen äußerst feinen Takt für alles Lächerliche. JedeSchiefheit und Verschrobenheit der physischen oder moralischen Natur wußteer rein aufzufassen und mit dem treffendsten Witze zu beleuchten. SeineSchriften enthalten nur einige seltene Spuren von komischer Kraft und sa-tyrischer Laune. Einige Kunstrichter haben ihn dafür beinahe getadelt undihn mit Höflichkeit in das Gebiet der sanften und angenehmen Schildereizurückgewiesen. Freilich lassen uns jene Stellen, so vortrefflich sie auch sind,noch lange nicht das ausgezeichnete Talent von komisch grotesker Darstel-lung ahnen, wovon Geßners ältere Freunde kaum genug zu erzählenwissen. — —
Auf Gelehrsamkeit im strengsten Sinne des Wortes machte Geßner keine An-sprüche. Die gründlichsten und tiefsten Einsichten, welche er besaß, betrafendie Grundsätze der Malerei und Dichtkunst. In seiner Jugend studierte er dieBlätter des Britischen Zuschauers samt den ziemlich voluminösen Werkenvon Bodmer und Breitinger mit anhaltendem Fleiße. Überhaupt las er all eSbegierig, was er von den besten kritischen Schriftstellern nur immer zur Handbringen konnte. Von den lateinischen Dichtern las er einige in der Ursprache,andre in französischer, die Griechen am liebsten in der lateinischen, und denHomer in Damms deutscher Übersetzung. Auf andere Übersetzungen hie'er nicht viel. Diese Herren, sagte er, tragen, sie mögens nun wollen oder nichwollen, der homerischen Zeichnung größtenteils ihre eigenen Farben aU»>und für diese Mühe danke ich ihnen schönstens. Was der griechische Home rin männlicher Einfalt sagt, das sagt ihm der ehrliche Damm in kindische 1Einfalt getreu nach. Was er sagen will, das sagt er ein bißchen wunderlich-aber ich verstehe ihn recht gut und kann mir den Geist des jonischen Sänge f
190