Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
189
Einzelbild herunterladen
 

Erniedrigung sie mit Staunen beschauen, und an dessen Verherrlichung sieglorreich teilnehmen sollen. Denn endlich, nach trüben und schrecklichenStunden, wird der ewige Richter sein Antlitz entwölken, seinen Sohn und Mit-gott wieder anerkennen, und dieser wird ihm dagegen die abgewendeten Men-schen, ja sogar einen abgefallenen Geist wieder zuführen. Die lebendigenHimmel jauchzen in tausend Engelstimmen um den Thron, und ein Liebes-glanz übergießt das Weltall, das seinen Blick kurz vorher auf eine greulicheOpferstätte gesammelt hielt. Der himmlische Friede, welchen Klopstock beiKonzeption und Ausführung dieses Gedichtes empfunden, teilt sich noch jetzteinem jeden mit, der die ersten zehn Gesänge liest, ohne die Forderungen beisich laut werden zu lassen, auf die eine fortrückende Bildung nicht gerneVerzicht tut.

Die Würde des Gegenstandes erhöhte dem Dichter das Gefühl eigner Persön-lichkeit. Daß er selbst dereinst zu diesen Chören eintreten, daß der Gottmenschihn auszeichnen, ihm von Angesicht zu Angesicht den Dank für seine Be-mühungen abtragen würde, den ihm schon hier jedes gefühlvolle, frommeHerz, durch manche reine Zähre, lieblich genug entrichtet hatte: dies waren soUnschuldige kindliche Gesinnungen und Hoffnungen, als sie nur ein wohl-geschaffenes Gemüt haben und hegen kann. So erwarb nun Klopstock dasvöllige Recht, sich als eine geheiligte Person anzusehen, und so befliß er sichauch in seinem Tun der aufmerksamsten Reinigkeit. (Goethe, Wahrheit undDichtung, 1811/1814.)

GESSNERS SAUBERKEIT UND GUTER GESCHMACK

Geßner besaß einen großen und hellen Verstand und eine Beurteilungskraft,Welche mit seltner Richtigkeit in allem gerade zum Ziele traf. Sein Scharf-sinn bemerkte leicht jede kleine Verschiedenheit, und keine noch so kleineNuance entging seiner Wahrnehmung. Aber sein Geist war mehr eindringenda ls umfassend, mehr strebsam als lebhaft.-------Einige haben es als Gleich-seitigkeit für das Interesse seiner Vaterstadt, andere als Einseitigkeit des Geniesa ngesehen, daß er in der Versammlung seiner Miträte sich so selten hören". Nach meiner Überzeugung geschah ihm von beiden Teilen Unrecht,^eßner interessierte sich für das Wohl seines Vaterlandes gewiß ebenso warm,a ls irgendeiner von seinen Mitbürgern. Aber da er weder den schnellen Blick,n °ch die leichte Überschauungs- und Reduktionsgabe des praktischen Politikersbe i sich fühlte, noch auch je in der Lage gewesen war, den Mangel derselbendu rch Studium und Übung sich einigermaßen ersetzen zu können, so hielt es" e r bescheidene Mann für anständiger, der weise Mann für zweckmäßiger, den_ a ng d er Beratschlagung, nachdem er einmal von sachkundigen Männernein gelenkt war, weder durch unnötige Eröffnungen neuer Gesichtspunkte zuv erwirren, noch durch müßige Wiederholung aufzuhalten. Hatte er aber ein-^ a l den besondern Beruf, über ein Geschäft, welches mit seinem politischen"Endpunkt unmittelbar in Beziehung stand, nach hinlänglicher Vorbereitungü sprechen, so tat er es mit so fester Bestimmung des eigentlichen Fragpunktes,^ l * so vorsichtiger Aushebung aller zur Beleuchtung dienlichen und Abson-

189