schief und irreführend. Offenbar nämlich steht das Handeln zu den mensch-lichen Grundkräften in einem ganz anderen Verhältnis als das Erkennen.Die Tat besteht nicht nur in der Anspannung des Willens; alles Fühlen sammeltsich in ihr, die gründlichste Erwägung geht in sie ein; sie gilt mit Recht alsder gesammelte Ausdruck des Menschen. Erkennen dagegen — so wie manes heut versteht — ist eine Teiltätigkeit. Auch das Erkennen mag vom Ge-fühl beeinflußt sein, es gilt aber dadurch nicht als bereichert, sondern als ver-fälscht, seinem Wesen nach setzt es das Gefühl nicht voraus, und an Willenbedarf es genau so viel, wie zur Konzentration des Denkens notwendig ist;darüber hinaus richtet der Erkennende sein Bemühen nur darauf, anders ge-richtetes Wollen zu unterdrücken; um zu erkennen, muß er seine übrigenFähigkeiten ausschalten, sine ira et studio, „mit trunkenen Mondesaugen"über den Dingen schweben. Diesem seinem Verhältnis zu den menschlichenGrundkräften entspricht es, wenn der Philosoph lebens- und weltfremd ist,wenn jemand, der ausschließlich oder wesentlich als Erkennender lebt, ver-trocknet. Man kennt den Gelehrten als den trockenen Schleicher, aber wederder Handelnde noch der Dichter oder Künstler vertrocknet durch Handeln,Dichten oder Bilden. Wer erkennt, wirkt nur ein Element der Seele aus, werhandelt, darstellt oder bildet, faßt sie alle zusammen. Eine scheinbare Ab-weichung von diesem Verhältnis tritt dann ein, wenn der Gegenstand des Er-kennens die Seele selbst oder spezieller das Handeln ist. Hier, so scheint es,bildet das Handeln genau so die Voraussetzung des Erkennens wie Erkennendie Voraussetzung des Handelns. Der Unterschied aber liegt darin, daß imletzteren Falle ein Element der Seele im Ganzen mündet, im ersteren Falle da-gegen das Ganze vor das Forum eines Elementes gezogen wird. Der Erkennende,der die „Seele" zur Voraussetzung hat und um so reichere Frucht an Erkenntnisdavonträgt, je reicher die Seele ist, die ihm zur Voraussetzung dient, ist in derLage eines Gelehrten, der nicht durch Untersuchungen zu einer Entdeckunggelangt, sondern durch Zufall einen glücklichen Fund macht. Die Seele ist hiernicht subjektive Voraussetzung, sondern objektiver Gegenstand des Erkennens.Das Denken kann die übrigen Kräfte der Seele nur als Gegenstände in sichenthalten; keineswegs versammelt es sie in sich, wie die Tat, wie die Dichtungalle Seelenkräfte, auch das Denken, lebendig in sich vereint. Wenn wir vondem Philosophen als dem Weisen hören, dem im Platonischen Staate die Herr-scherwürde zugedacht war, in dem Aristoteles, die Stoa, das ganze Mittel-alter den höchsten Typus des Menschen sah, so kann es nicht der Erkennendeim modernen Sinne sein, der hier gemeint war. Den Alten muß ein MenschVorgeschwebt haben, der nicht durch sein Erkennen weise wurde, sonderndessen Erkenntnis Ausdruck war seiner Weisheit. Wir glauben einen Weisenv or uns zu haben, wenn wir konstatieren, daß ein Denker, der auf Grund vonPrinzipien des Handelns, die er entdeckte, Ideale des Handelns aufstellt, seinerLehre entsprechend auch lebt, wenn er sich aus einer Teiltätigkeit zur mensch-lichen Mitte, aus dem Denken zum Leben mühsam hintastet und, wie Des-c artes, das Leben zum Provisorium macht, solange das Denken noch nicht* e rtig ist. So sehr wir ein solches heldisches vita impendere vero menschlichv erehren, wie kümmerlich erscheint es doch gegenüber dem Bilde des wahren
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