Wenn man nur diese Alternative kennt: demonstrierbare, entscheidbareWahrheit und künstlerisches Bild, so verschließt man sich das Verständnisnicht nur der Metaphysik, sondern auch der Kunst und Dichtung. Denn auchKunst enthält Erkenntnis und will Erkenntnis darstellen. Was eine ent-götterte Zeit aus der Dichtung gemacht hat, mag einem müßigen Phantasie-spiel gleichen, das ohne Verantwortung und ohne Anspruch auf Wahrheitist, aber keine große Kunst wird man verstehen, wenn man es mit ihrem Wahr-heitsgehalt leicht nimmt. Weder Homer noch die attischen Tragiker, wederDante noch Shakespeare geben Bilder oder Impressionen, sondern sie stellenim Bilde die von ihnen erschaute Wahrheit dar, die wir uns nicht ernst genugzu Herzen nehmen können, und die deshalb nicht minder Wahrheit ist, weilsie nicht demonstriert wird, weil sie sich nicht einzelnen Aussprüchen, sondernnur dem Gesamtwerk des Dichters entnehmen läßt, und weil sie keine be-queme allgemeine Wahrheit ist, sondern die Wahrheit des Konkreten. Nurwenn wir die Dichter als Weise verehren, nicht umgekehrt in sträflicher Naive-tät die Urwahrheiten der Dichter auf die abgeleiteten Wahrheiten philosophi-scher Systeme reduzieren, werden wir auch das Bild des Philosophen, dasuns heut verloren ist, wieder gewinnen.
Unser Begriff der Metaphysik und Philosophie ist heut allzusehr beeinflußtvon den schon wissenschaftlich gefärbten philosophischen Systemen derletzten Jahrhunderte. Erinnern wir uns aber des religiösen Ursprungs der altengroßen Lehrsysteme. Philosophie hat keineswegs zu allen Zeiten ihre Lehreoder das Höchste und Letzte ihrer Lehre beweisen wollen. Das Mittelalter,das für sein unglaubliches Glauben eine Stütze in der Vernunft suchte, hatvielleicht die Demonstrierbarkeit metaphysischer Wahrheiten zuerst gesucht,freilich nur, um sie sogleich als unmöglich zu erkennen. Erst mit der wissen-schaftlichen Ära beginnt die Reihe der Systeme, die beweisbar zu sein, die sichauf Prinzipien von absoluter Gewißheit zu gründen glauben. Dabei trägt geradejenes System, welches auf strengste Demonstrierbarkeit Anspruch erhebt, derUnbeweisbarkeit der metaphysischen Setzungen am weitesten Rechnung.Alles Beweisbare des Spinozistischen Systems leitet sich aus dem Unbeweis-baren, aus den Ursetzungen her, die als Definitionen und Axiome nieder-gelegt sind. Ebenso schreiten Piatons Dialoge in strengster dialektischer Be-weisführung fort, aber sofern sie nichts als Dialektik enthalten, brechen sieunentschieden ab, die Hauptlehre entzieht er der dialektischen Erörterung,er gibt sie als Mythus. Die Natur des Gegenstandes, um dessen Erkenntnises sich in der Philosophie handelt, macht Erkenntnis nur in der Form der Ah-nung, des Schauens, der Verkündung möglich, und Weisheit ist, der Erkenntnisdie Form zu geben, welche der Form, in der ihr Gegenstand gegeben ist, ent-spricht.
Wir sind gewohnt, entsprechend der mittelalterlichen Unterscheidung dervita activa und der vita contemplativa, dem aktiven Menschen den Kontem-plativen, dem Handelnden den Erkennenden als den entgegengesetzten, abergleichwertigen Typus gegenüberzustellen. Faßt man aber Erkenntnis als einebloße Tätigkeit des Intellekts, so wird man durch jene Unterscheidung dasWesen des Weisen nicht erfassen, ja, die Unterscheidung selbst wird dann
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