tiker gegeben. Die Einheit des Glaubens und das Gemeingefühl der Gläubigen,die gewisse Überzeugung von einer Zeit und Ewigkeit umschließenden Welt-ordnung, die Verbindung von Menschenwelt und Gotteswelt waren das Zielund der Segen aller Konfessionen gewesen. Die Philosophen dagegen hattennur Zersplitterung in die Welt gebracht und der Skepsis, der UnsicherheitTür und Tor geöffnet. In den Briefwechseln der Zeit haben wir eine Füllevon Aussprüchen, die uns die wogende Unruhe, in welche die deutsche Jugendhierdurch versetzt war, und ihre Sehnsucht nach Leitung und Klärung er-kennen lassen. Auch Hegel duldete keine Götter neben dem, den er ver-kündigte. In der Feindseligkeit gegen seine Gegner stand er keinem nach,und sein Zürnen gegen sie verband sich mit souveräner Verachtung. Er schonteniemand, von dem großen Bahnbrecher der neueren Philosophie, dem Kritikeraller früheren Spekulation an bis zu ihren jüngsten Vertretern, welche demzersetzenden Verstände überhaupt mehr oder weniger Valet gaben und sichin die Tiefen des Gefühls zu versenken strebten. Seine Urteile über Kant undFichte, geschweige die über Fries und Konsorten, sind von einer Deutlichkeitdes Ausdrucks (um diese Eigentümlichkeit seines Stammes mit einem mildenAusdruck zu bezeichnen), die nichts zu wünschen übrigläßt. Auch auf demKatheder scheute er nicht davor zurück, gegen den theologischen Kollegenan der Universität, der sich ihm auch in der Philosophie an die Seite drängte,mit Angriffen beleidigenden Charakters vorzugehen. Aber andererseits ver-schaffte ihm gerade die kühle Überlegenheit, womit er auf die Gegner herab-sah, mochten sie nun im Talar oder im „Friesrock" auftreten, und überhauptder apodiktische Ton, den er in Wort und Gebärde legte, einen sich stetigmehrenden Anhang. Unbedingter hat niemals ein deutscher Philosoph ge-herrscht; das „aÜTÖ? £cpa" blieb die Parole für die Heerscharen, die ihm folgten.Wer sich einmal in sein System verstrickt hatte, konnte sich kaum noch vonseinen Fesseln lösen. (Max Lenz, Geschichte der Universität Berlin, 1910.)
PHILOSOPHIE ODER WEISHEIT?
Disiecta membra bleiben all unsere Kenntnisse, solange sie nicht aus einerAnschauung vom Ganzen hervorgehen. Nur Erkenntnis des Ganzen ist ganzeErkenntnis. Wenn also selbst die Lösung der metaphysischen Aufgabe nichtMöglich ist, so ist doch ihre Stellung notwendig, weil Typus zugleich und Veri-fizierung jeder Einzelerkenntnis; wenn ihr Ziel im Unendlichen liegt, so istdoch eine Annäherung daran denkbar, und wenn sie nur zur Wahrscheinlich-keit gelangt, so zeigt doch noch diese Wahrscheinlichkeit — und nur sie —die Form der höchsten und ganzen Wahrheit. Gerade auch um der frucht-baren wissenschaftlichen Erkenntnis willen müssen wir uns jener überwissen-schaftlichen Wahrheit bewußt bleiben. Es ist kein Geringerer als Usener, derdas Wunder der antiken Wissenschaft, das Werk nur zweier Generationen,a us dem Zusammenhang mit dem philosophischen Genius, aus dem Schul-zusammenhang der Akademie ableitet, in der vom jüngsten bis zum gelehr-testen und selbständigsten Forscher, bis zu Eudoxus und Aristoteles, allesu nter der Führung Piatons vereinigt war.
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