Schriftstellers bewundern muß. In Absicht auf Wahl gemeinnütziger Gegen-stände, auf tiefe Einsicht, freie Übersicht, glückliche Behandlung, so gründ-lichen als frohen Humor, wüßte ich ihn niemand als Franklin zu vergleichen.Ein solcher Mann imponierte uns unendlich und hatte den größten Einflußauf eine Jugend, die auch etwas Tüchtiges wollte und im Begriff stand, es zuerfassen. In die Formen seines Vortrages glaubten wir uns wohl auch findenzu können; aber wer durfte hoffen, sich eines so reichen Gehalts zu bemächtigenund die widerspenstigsten Gegenstände mit soviel Freimut zu handhaben.Doch das ist unser schönster und süßester Wahn, den wir nicht aufgeben dürfen,ob er uns gleich viel Pein im Leben verursacht, daß wir das, was wir schätzenund verehren, uns auch womöglich zueignen, ja aus uns selbst hervorbringenund darstellen möchten. (Goethe, Wahrheit und Dichtung, 1811/1814.)
ERSCHÖPFTE KRAFT DES WUNDERS
Ein andres sind erfüllte Weissagungen, die ich selbst erlebe: ein andres, er-füllte Weissagungen, von denen ich nur historisch weiß, daß sie andre wollenerlebt haben.
Ein andres sind Wunder, die ich mit meinen Augen sehe und selbst zu prüfenGelegenheit habe: ein andres sind Wunder, von denen ich nur historisch weiß,daß sie andre wollen gesehn und geprüft haben.
Das ist doch wohl unstreitig? Dagegen ist doch nichts einzuwenden?Wenn ich zu Christi Zeiten gelebt hätte: so würden mich die in seiner Personerfüllten Weissagungen allerdings auf ihn sehr aufmerksam gemacht haben.Hätte ich nun gar gesehen ihn Wunder tun, hätte ich keine Ursache zu zweifelngehabt, daß es wahre Wunder gewesen: so würde ich zu einem, von so lange herausgezeichneten, wundertätigen Mann allerdings so viel Vertrauen gewonnenhaben, daß ich willig meinen Verstand dem seinigen unterworfen hätte, daßich ihm in allen Dingen geglaubt hätte, in welchen eben so ungezweifelte Er-fahrungen ihm nicht entgegen gewesen wären.
Oder, wenn ich noch jetzt erlebte, daß Christum oder die christliche Religionbetreffende Weissagungen, von deren Priorität ich längst gewiß gewesen, auf dieunstreitigste Art in Erfüllung gingen; wenn noch jetzt von gläubigen ChristenWunder getan würden, die ich für echte Wunder erkennen müßte: was könntemich abhalten, mich diesem Beweise des Geistes und der Kraft, wie ihn derApostel nennet, zu fügen?
In dem letzten Falle war noch Origenes, der sehr Recht hatte, zu sagen, daßdie christliche Religion an diesem Beweise des Geistes und der Kraft einen eige-nen göttlicheren Beweis habe, als alle griechische Dialektik gewähren könne.Denn noch war zu seiner Zeit „die Kraft, wunderbare Dinge zu tun, von denennicht gewichen", die nach Christi Vorschrift lebten; und wenn er ungezweifelteBeispiele hiervon hatte, so mußte er notwendig, wenn er nicht seine eigenenSinne verleugnen wollte, jenen Beweis des Geistes und der Kraft anerkennen.Aber ich, der ich auch nicht einmal in dem Falle des Origenes bin; der ich indem 18. Jahrhunderte lebe, in welchem es keine Wunder mehr gibt; wenn ichanstehe, noch jetzt auf den Beweis des Geistes und der Kraft etwas zu glauben,
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