härten sie ihr Herz vor denselben. Wenn sie ihre Untertanen unterdrücken,wenn sie hart, gewalttätig und grausam sind, so kommt dies daher, daß siedas Böse nicht kennen, das sie verüben; sie haben es nie selbst gefühlt, darumgehen sie so leicht darüber. Sie sind nicht im Fall des Mutius Scävola gewesen,der vorm Porsenna die Hand ins Feuer steckte und dadurch die Wirkung desFeuers auf seine Hand wohl kennenlernte.
Mit einem Wort. Die ganze Haushaltung des menschlichen Geschlechts isteingerichtet, um Menschenliebe einzuflößen. Die Ähnlichkeit der Menschenuntereinander, die Gleichheit ihres Loses und das unentbehrliche Bedürfnis,das einer vom andern hat, Unglücksfälle, die die Bande des Bedürfnisses nochstärker anziehen, die natürliche Neigung, die man zu seinesgleichen hat, unsereSelbsterhaltung, die uns Humanität predigt, die ganze Natur scheint sich zuvereinigen, um uns eine Pflicht einzuprägen, die unser Glück macht und täg-lich neue Annehmlichkeiten auf unser Leben verbreitet."Wenn Friedrich immer so gefühlt und getan hat, als er hier schreibt (und eswar gewiß sein Ernst, da er es schrieb; auch wurden ihm in den unhumanstenSituationen seines Lebens diese Gesinnungen nie ganz fremd), so wollen wirihn als einen Heiligen anrufen, daß er uns seinesgleichen humane Denker,väterliche Regenten, Ärzte und Herzen des Volkes erbitten helfe. Auch wollenwir wünschen, daß alle Fürsten und Prinzen die meisten seiner Werke (siesind ja französisch geschrieben) lesen mögen, und zwar also, als ob sie dengroßen König selbst hörten. (Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität,I793/I797-)
FRANZÖSISCHE BILDUNG UND DEUTSCHES WESENIN FRIEDRICH
Eine Dichtersprache hatten wir fast gar nicht, und wir würden auch nie eineerhalten haben, wenn Gottsched die tapferen Schweizer, die sich seiner Reini-gung widersetzten, besiegt hätte. Haller ward unser erster Dichter, und wieKlopstock kam, begriffen wir erst völlig, was die Engländer damit sagen wollen,wenn sie den Franzosen vorwerfen, daß sie nur eine Sprache zum Versemachen,nicht aber für die Dichtkunst hätten. Auch wir hatten vor Hallern nur Verse-macher.
Wie sehr und wie geschwind hat sich aber nicht unsere Dichtersprache mitihren ersten Meistern gebessert!
In der Kunstsprache haben wir, seitdem Winckelmann, Wieland, Lavater undSulzer geschrieben haben, uns nicht allein alles eigen gemacht, was die Aus-länder Eignes hatten, sondern auch Vieles auf unserem Boden gezogen; unddie Verfasser verschiedener empfindsamen Romane haben in einzelnen Par-tien gezeigt, daß unsere Sprache auch zum wahren Rührenden geschickt sei,und besonders das stille Große sowohl, als das volle Sanfte auf das mächtigste
darstellen könne.-------
Unsere Rednersprache hat zwar keine großen Muster geliefert, weil es ihnenan großen Gelegenheiten gefehlt hat; aber sie ist hinlänglich vorbereitet undwird keinen empfindenden und denkenden Mann leicht im Stiche lassen. Die
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