scheiden. „Autoren", sagt er, „sind die Gesetzgeber des menschlichen Ge-schlechts; ihre Schriften verbreiten sich in alle Teile der Welt; sie manifestierenIdeen, die andre sich einprägen. Ist in ihnen Stärke des Gedankens mit Feuerdes Ausdrucks vereinigt, so bezaubern sie und rühren. Bald atmet eine MengeMenschen die Liebe zum menschlichen Geschlecht, die sie ihr durch einenglücklichen Impuls einhauchten. Sie bilden gute Bürger, treue Freunde, Unter-tanen, die Aufruhr und Tyrannei im gleichen Grade verabscheuen, voll Eifer,nur fürs allgemeine Beste. Ihnen, den Schriftstellern, ist man die Tugendenschuldig, die die Sicherheit und den Reiz des Lebens ausmachen; was ist manihnen nicht schuldig?"
So sah Friedrich die Wissenschaften an, und dies blieb sein Bekenntnis. DieTalente, die hierzu dienten, schätzte er an Voltaire, in seiner Jugend fastüber die Maße, in seinem höheren Alter mäßiger; doch blieb ihm stets diehohe Achtung für einige große Stücke seines Lehrers, die er von andern sehrunterschied, und ihm darüber offen seine Meinung sagte. Unter Waffen undim höchsten Alter hielt er die Wissenschaften nicht nur für sein schönstesVergnügen, sondern auch dem Staat und der menschlichen Gesellschaft un-entbehrlich; ohne sie, meinte er, würden und blieben Fürsten, Stände undVölker Barbaren; Wissenschaften allein haben die Welt erleuchtet und einigeauserwählte Seelen des Menschengeschlechts veredelt. — —Fast immer tönt diese Stimme um mein Ohr, wenn ich Friedrichs Schriftenlese. Man wandelt in ihnen wie auf klassischem Boden; ein Gefühl für dieWürde, den Wert, die Schönheit der Wissenschaften ist in seine kleinsten undgrößten Aufsätze verbreitet.
Insonderheit lebt sein Geist in einer gewissen Reihe auserwählter größererSeelen, die er, meistens aus dem Altertum, sich zu Lieblingsnamen seinerPhantasie, zu Vorbildern, an denen er gern verweilet, ausersehen hatte. InHandlungen des Krieges und des Friedens, in Geschäften der Regierung undin Beziehungen der Menschheit kommen sie ihm oft wieder als alte Lehrerund Freunde; so wie es denn bekannt ist, daß er nur wenige Schriftsteller,diese aber immer von neuem las und in seine Gedanken prägte. Nach gewissenJahren wollte ihm das Neue nicht mehr genug tun; er fand eine Spitzfindig-keit oder einen mathematischen Kalkül in Schriften, wohin dieser nicht ge-hörte. Die alten großen Formen weniger Hauptgedanken lagen in ihm,von denen er sich ungern trennen mochte. In Sachen des Vortrags sah erVoltaire als die letzte Stütze des Geschmacks an, der unter Ludwig XIV. ge-wesen war, und unter Ludwig XV. und XVI. freilich nicht mehr sein konnte.Dagegen sieht er seine eigenen Aufsätze in Versen bloß als Reimereien zumVergnügen, in Prosa als Übungen zur Entwicklung seiner Gedanken an undspricht von ihnen ohn' alle Anmaßung. Diese Bescheidenheit ist, wie manoffenbar sieht, kalte Überzeugung; er fühlt, was ihm fehle, und warum er nichtsein könne, was zum Beispiel Voltaire war. Es wills auch nicht sein: denn erfühlt seinen größeren Beruf, ob er gleich den andern, ein großer Schriftstellerzu sein, als angenehmer erkennt und in Augenblicken des Enthusiasmus fastzu beneiden scheint. Bald aber setzt sein Geist sich ins Gleichgewicht: „ge-sunder Verstand", meint er, „ein edler Trieb zur Ehre und unausgesetzte Tätig-
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