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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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Wer konnte so etwas lesen, wenn er die englischen und französischen Bücherder Zeit kannte und verstand? Seine Landsleute töteten ihn, so moralisch, sotüchtig sie waren, durch Langeweile; die Ausländer las er, auch wenn er ihreWeisheit und Lehre verachtete und verwarf, mit Vergnügen. Freilich wareneinige Dichter der Zeit, zum Beispiel Amthor, Richey und so weiter, etwas besser,aber wie gering war auch ihr Gehalt! und selbst Brockes, dessenIrdischesVergnügen in Gott" ein halbes Jahrhundert hindurch ein Volksbuch blieb,ist in Rücksicht des poetischen Verdienstes auf keine hohe Stufe zu setzen.Endlich erschien dann Gottsched; und so wenig wir denen beistimmen können,die seine großen Verdienste ganz verkennen, so scheint es uns doch ausge-macht, daß er der festen Meinung war, die Werke der Dichtkunst und Bered-samkeit würden auf dieselbe Weise hervorgebracht, wie der Schüler seinExerzitium macht. Wenn man diesen Überblick deutscher Literatur bis 1740überdenkt, wird man sich nicht verwundern, daß kein gebildeter Mann, dernicht Schulgelehrter oder ganz aus dem gewöhnlichen Haufen war, deutschlesen wollte. (Friedrich Christoph Schlosser, Geschichte des achtzehntenJahrhunderts, 1823.)

FRIEDRICHS KÖNIGLICHE HUMANITÄT

Wir sind darüber einig, daß, wenn ein großer Name auf Europa mächtiggewirkt hat, es Friedrich gewesen. Als er starb, schien ein hoher Geniusdie Erde verlassen zu haben; Freunde und Feinde seines Ruhms standen ge-rührt; es war, als ob er auch in seiner irdischen Hülle hätte unsterblichsein mögen.

Sie denken leicht, wie begierig ich auf seine nachgelassenen Schriften war:hier, sagte ich, lebt und spricht noch sein Geist nach dem Ableben seines altenvielgeübten Körpers. Briefe, Gespräche, ja Worte von ihm, die, solang erKönig war, als Ehre gesucht, als Schätze umhergetragen wurden, sind jetztein gemeines Gut. Man kann sie unerschrocken prüfen, im Zusammenhangeseines langen Lebens beherzigen; man darf ihnen widersprechen und sie mitseinen Taten vergleichen.

Zuerst also griff ich nicht nach Werken, die er absichtlich für die Welt ge-schrieben hatte, sondern nach seinem Briefwechsel, und unter diesem auf denlängsten und interessantesten mit Voltaire. Er erstreckt sich von 1736 bis1777, also über vierzig Jahre, und zeigt die Seele des Königs in den verschie-densten Situationen seines Lebens. Ich will einige Züge und Stellen aus-zeichnen.

Ein Prinz von 23 Jahren, der Erbe eines königlichen Thrones, sucht in weiterEntfernung den Mann auf, den er für den ersten Schriftsteller seiner Zeithält, in dem er, wie er selber sagt,nicht nur Schätze des Geistes, Stücke mitso viel Geschmack, Delikatesse und Kunst gearbeitet, daß ihre Schönheitenhei jedem neuen Lesen neu scheinen, sondern auch jene Philosophie" findet,die unser königlicher Jüngling insonderheit wert hält. Er übersendet ihm seinenWolf, erbittet sich dagegen seine Schriften, seinen Unterricht in Briefen undwird ein Schüler des Philosophen, nicht aus Eitelkeit, sondern ernst und be-

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