Umwälzung folgen, vermöge welcher die deutsche Literatur in den letztenzwanzig Jahren seiner Regierung durchaus umgestaltet ward, und sogar zueiner Originalität gebracht, die auf die Franzosen zurückwirkt, so sehr sie sichauch sträuben und selbst die Tatsache leugnen.
Schon Leibniz, der sich in so manchen Dingen, selbst in philosophischen undtheologischen, als großer Geist zu akkommodieren verstand, ohne sich oder seinereigenen Meinung viel zu vergeben, hatte der französischen Sitte huldigen,hatte sich der französischen Sprache bedienen müssen, um den Einfluß zugewinnen, der einem solchen Geist, wie der seinige war, Bedürfnis ist. Er hattedie Bekanntschaften und Freundschaften in England und Frankreich ebensowert halten müssen, als die deutschen, er konnte nur für eine fernere Zukunftdie Hoffnung fassen, daß die Sprache und Literatur seiner Nation selbständigdastehen werde. Hätten die Nachbeter und Bewunderer des großen Mannes,dessen mehrste Schriften in einem zwar korrekten, aber harten Französischoder in einem mit Gallizismen untermischten Latein verfaßt sind, denselbenEifer für die deutsche Sprache und Literatur, den er zeigte, bewiesen, so würdekein Gottsched als Reformator nötig gewesen sein. Der deutschen Nation fehltees zwar auch damals an wahren Nationalschriftstellern nicht, sie wurden aberweder von den Gelehrten, noch von den Vornehmen, die damals allein den Ton an-gaben, anerkannt: Die Theologen wollten keine Bibellehre, sondern bloßSystem, es waren also die Bemühungen eines Spener, Gottfried Arnold undanderer, deren Verdienste um deutsches Gemüt und deutsche Sprache beiweitem noch nicht hinreichend gewürdigt sind, nur für einen engen Kreis,der große Geist eines Jacob Böhme ging aber wie ein Hauch über die Nation,weil die Sprache ihm fehlte und seine pythischen Laute keinen fähigen, zumDolmetscher erzogenen Priester fanden.
Der einzige, der auf dem neuen Wege deutsch zu gehen suchte, war ChristianThomasius, dessen „Freimütige, lustige und ernsthafte, jedoch Vernunft- undgesetzmäßige Gedanken oder Monatgespräche über allerhand, vornehmlichaber neue Bücher" eine wunde Stelle trafen und ungeheuren Lärm machten;allein Thomasius, durch die Masse der Vorurteile und den unüberwindlichenPedantismus der Universitäten und ihrer Schreier gereizt, ging vom Pietismuszur Reflexionsphilosophie herüber. Seitdem er Locke gehuldigt hatte, bahnteer, ohne es zu wissen oder zu wollen, der neuen französischen Weisheit denWeg. Wendet man sich von der eigentlichen Wissenschaft, die an Leibniz,Thomasius und andern wackern Männern der Zeit immer noch bedeutendeStützen hatte, zu der schönen Literatur, so hatte Opitz schon das Deutscheverkannt, war selbst den Franzosen und den Niederländern, welche die Altengewissermaßen travestierten, gefolgt, und hatte an vielen Stellen seiner Gedichtediese Nachahmung neuer Muster empfohlen; leider fand sein Rat nur zuvielGehör. Neukirch, der ausgezeichnetste unter den Dichtern der Zeit, wollteden „Telemach" in Verse bringen; von Besser, der in nicht geringerem Dichter-rang stand, wollte aus dem Leben Friedrich Wilhelms, des großen Kurfürsten,ein Heldengedicht machen; Patsch ein heroisch Gedicht von Sr. KaiserlichenMajestät; von König ein heroisch Gedicht auf Se. Majestät in Polen; Posteldichtete wirklich ein Heldengedicht in zehn Büchern, „der große Wittekind".
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