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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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weisen, daß er die Mängel seiner Methode dunkel fühlen mochte.--------Zu

seiner völligen Rechtfertigung aber mag dienen, daß er, von einem falschenPunkte ausgehend, nach beinahe schon durchlaufenem Kreise, doch noch aufdie Hauptsache stößt, und die Darstellung der Sitten, Charaktere, Leiden-schaften, kurz, des inneren Menschen, auf den die Dichtkunst doch wohl vor-züglich angewiesen ist, am Ende seines Buchs gleichsam als Zugabe anzu-raten sich genötigt findet. (Goethe, Wahrheit und Dichtung, 1811/1814.)

DER GOTTWEISE SPINOZA

Ein großer Genius bildet sich durch einen anderen großen Genius, weniger durchAssimilierung, als durch Reibung. Ein Diamant schleift den andern. So hatdie Philosophie des Descartes keineswegs die des Spinoza hervorgebracht, son-dern nur befördert. Daher zunächst finden wir bei dem Schüler die Methodedes Meisters; dieses ist ein großer Gewinn. Dann finden wir bei Spinoza, wiebei Descartes, die der Mathematik abgeborgte Beweisführung. Dieses ist eingroßes Gebrechen. Die mathematische Form gibt dem Spinoza ein herbesÄußere. Aber dieses ist wie die herbe Schale der Mandel; der Kern ist um soerfreulicher. Bei der Lektüre des Spinoza ergreift uns ein Gefühl, wie beimAnblick der großen Natur in ihrer lebendigsten Ruhe. Ein Wald von himmel-hohen Gedanken, deren blühende Wipfel in wogender Bewegung sind, wäh-rend die unerschütterlichen Baumstämme in der ewigen Erde wurzeln. Es istein gewisser Hauch in den Schriften des Spinoza, der unerklärlich. Man wirdangeweht, wie von den Lüften der Zukunft. Der Geist der hebräischenPropheten ruhte vielleicht noch auf ihrem späten Enkel. Dabei ist ein Ernstin ihm, ein selbstbewußter Stolz, eine Gedankengrandezza, die ebenfalls einErbteil zu sein scheint; denn Spinoza gehörte zu jenen Märtyrerfamilien, diedamals von den allerkatholischsten Königen aus Spanien vertrieben wurden.Dazu kommt noch die Geduld des Holländers, die sich ebenfalls, wie im Leben,so auch in den Schriften des Mannes niemals verleugnet hat.Konstatiert ist es, daß der Lebenswandel des Spinoza frei von allem Tadel war.Teurer Leser, wenn du einmal nach Amsterdam kommst, so laß dir dort vondem Lohnlakaien die spanische Synagoge zeigen. Diese ist ein schönes Gebäude,und das Dach ruht auf vier kolossalen Pfeilern, und in der Mitte steht dieKanzel, wo einst der Bannfluch ausgesprochen wurde über den Verächterdes mosaischen Gesetzes, den Hidalgo Don Benedikt de Spinoza. Bei dieserGelegenheit wurde auf einem Bockshorne geblasen, welches Schofar heißt. Mitdiesem Hörn wurde die Exkommunikation des Spinoza akkompagniert, erwurde feierlich ausgestoßen aus der Gemeinschaft Israels und unwürdig er-klärt, hinfüro den Namen Jude zu tragen. Seine christlichen Feinde warengroßmütig genug, ihm diesen Namen zu lassen. Die Juden aber waren uner-bittlich, und man zeigt den Platz vor der spanischen Synagoge zu Amsterdam,wo sie einst mit ihren langen Dolchen nach dem Spinoza gestochen haben.Ich konnte nicht umhin, auf solche persönliche Mißgeschicke des Mannesbesonders aufmerksam zu machen. Ihn bildete nicht bloß die Schule, sondernauch das Leben. Das unterscheidet ihn von den meisten Philosophen, und in

12 Wolters, Der Deutsche. 111,2. c