Einfalt mehr ermüde als die zu große Verwicklung und so weiter. Er hättealso auf dieser Spur bleiben sollen, und sie würde ihn graden Weges auf dasenglische Theater geführt haben. — Sagen Sie ja nicht, daß er auch dieses zunützen gesucht, wie sein Cato es beweise. Denn eben dieses, daß er den Addi-sonischen Cato für das beste englische Trauerspiel hält, zeigt deutlich, daßer hier nur mit den Augen der Franzosen gesehen und damals keinen Shake-speare, keinen Johnson, keinen Beaumont und Fletcher und so weiter gekannthat, die er hernach aus Stolz auch nicht hat wollen kennen lernen.Wenn man die Meisterstücke des Shakespeare, mit einigen bescheidenenVeränderungen, unsern Deutschen übersetzt hätte, ich weiß gewiß, es würdevon bessern Folgen gewesen sein, als daß man sie mit den Corneille undRacine so bekannt gemacht hat. Erstlich würde das Volk an jenem weitmehr Geschmack gefunden haben, als es an diesen nicht finden kann; undzweitens würde jener ganz andere Köpfe unter uns erweckt haben, als manvon diesem zu rühmen weiß. Denn ein Genie kann nur von einem Genieentzündet werden; und am leichtesten von so einem, das alles bloß der Naturzu danken zu haben scheint und durch die mühsamen Vollkommenheitender Kunst nicht abschrecket.
Auch nach den Mustern der Alten die Sache zu entscheiden, ist Shakespeareein weit größerer tragischer Dichter als Corneille; obgleich dieser die Altensehr wohl und jener fast gar nicht gekannt hat. Corneille kommt ihnen inder mechanischen Einrichtung und Shakespeare in dem Wesentlichen näher.Der Engländer erreicht den Zweck der Tragödie fast immer, so sonderbareUnd ihm eigene Wege er auch wählet; und der Franzose erreicht ihn fast nie-mals, ob er gleich die gebahnten Wege der Alten betritt. Nach dem Oedipusdes Sophokles muß in der Welt kein Stück mehr Gewalt über unsere Leiden-schaft haben, als Othello, als König Lear, als Hamlet. (Lessing, Briefe, dieneueste Literatur betreffend, 1759/1765.)
MISSKANNTER SINN DER DICHTUNG
Wir holen nicht zu weit aus, wenn wir sagen, daß damals das Ideelle sich ausder Welt in die Religion geflüchtet hatte, ja sogar in der Sittenlehre kaum zumVorschein kam; von einem höchsten Prinzip der Kunst hatte niemand eine•Ahnung. Man gab uns Gottscheds „kritische Dichtkunst" in die Hände; sie^arbrauchbar und belehrend genug; denn sie überlieferte von allen Dichtungs-a rten eine historische Kenntnis, sowie vom Rhythmus und den verschiedenenBewegungen desselben; das poetische Genie ward vorausgesetzt! Übrigens•ber sollte der Dichter Kenntnisse haben, ja gelehrt sein, er sollte Geschmackbesitzen, und was dergleichen mehr war. Man wies uns zuletzt auf HorazensDichtkunst; wir staunten einzelne Goldsprüche dieses unschätzbaren Werks•fiit Ehrfurcht an, wußten aber nicht im geringsten, was wir mit dem ganzendachen, noch, wie wir es nutzen sollten.
°ie Schweizer traten auf als Gottscheds Antagonisten; sie mußten doch alsoet vvas anderes tun, etwas Besseres leisten wollen: so hörten wir denn auch,daß sie wirklich vorzüglicher seien. Breitingers „Kritische Dichtkunst" ward
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