Philosophie mit unserm Schönheitssinn verschmolzen worden! Wie klar undselbständig sind die Begriffe aller Gebildeten unsres Volks über Religion,Sittlichkeit, ja, selbst über politische Freiheit, und im ganzen genommen überdie wichtigsten Gegenstände des menschlichen Nachdenkens! Ein Fort-schreiten der Art, welches nicht etwa den eigentlichen Kreis gelehrter Bil-dung, sondern das Gemeinwesen der innern Menschheit umfaßt, möchte ichvorzüglich deutsche Aufklärung nennen — und eine solche, viel weniger einebessere, finden wir weder bei Briten noch Franzosen, wenn wir nachmessen vonder Morgenröte ihres goldenen Zeitalters bis zum gegenwärtigen Augenblick.Es versteht sich, daß ich nicht den sogenannten strengen Wissenschaften ent-spreche; denn Mathematik, Naturkunde, Scheidekunst oder dergleichen habenmit dem Nationalcharakter nichts zu schaffen und wirken auf die Entwicklungdesselben nicht viel mehr, als Reiten oder Fechten. Die Aufklärung unsersVolks sei also immerhin, wie mir Frau von Stael einmal sagte: „nicht eigent-lich von dieser Welt". Um so besser vielleicht, denn jedes Reich Gottes mußja von innen anfangen.
Selbst auf die Zahl der Bessern würde es mir nicht ankommen, um unsre Über-legenheit zu bewähren. Genug, die Erfahrung ist unleugbar, daß der völligausgebildete Deutsche den verhältnismäßig ebenso entwickelten Franzosendurch und durch versteht, ohne daß jemals die Eigentümlichkeit des erstemvon dem letztern begriffen oder geahndet würde. Goethe könnte, wenn esdarauf ankäme, den Voltaire erfinden, statt daß jener innerhalb einer gewissenBeschränkung so bewegliche Proteus sich in Ewigkeit nicht auf einen Stand-Punkt hätte erheben können, von wo aus ihm Faust oder Hamlet als Meister-stücke erschienen wären. Selbst die Bemerkung, die Schlegel irgendwo macht,i)daß die heutigen Deutschen wahrscheinlich den Shakespeare schon richtigerfassen und begreifen, als dessen eigene Landsleute" — scheint mir völlig ge-gründet, und zwar vorzüglich deswegen, weil wir das innere, allumfassendeLeben überhaupt vollständiger durchschauen, die Erscheinungen desselbendurch einen vielseitiger geübten Sinn auffassen, als die unleugbar in manchen
Rücksichten etwas ungelenkigen Briten.-------
Ein solches Volk, wie das unsrige schon ist, wird nicht auf immer unterliegen,ü nd die Fremdlinge, die es nicht begreifen, werden seine bessere Eigentümlich-keit auch nicht zu entheiligen vermögen! (C. G. v. Brinkmann an Gentz, 1807.)
SHAKESPEARE UND VOLTAIRE
Man sieht die Verschiedenheit der Wege, worauf diese Nationen zum Tempeldes Geschmacks gegangen sind, nicht deutlicher, als wenn man den Tod Cäsars,s ° wie ihn Shakespeare und Voltaire uns gegeben haben, nebeneinanderstellt,"oltaire sagt es ausdrücklich, und man sieht es auch leicht, daß er ihn durch-aus dem Engländer abgeborgt und nur dasjenige weggelassen habe, was sich*"t den Regeln eines guten Trauerspiels und der französischen Bühne nichtVe reinigen ließe. Hier sieht man beim Shakespeare ein aufgebrachtes Volk,be i dem alle Muskeln in Bewegung sind, dem die Lippen zittern, die BackenSchwellen, die Augen funkeln und die Lungen schäumen; ein bittres, böses,
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