Seit 1751 war Händel blind und blieb es nach schmerzlichen Operationen;1759 starb er, acht Tage nach der Aufführung seines letzten Oratoriums, beiwelchem er noch gegenwärtig war. In der Westminster-Abtei ward er be-graben, wo ihm auf sein Verlangen und auf seine selbsteigenen Kosten einDenkmal errichtet wurde. Die großmütige Nation, die den Fremden so holdist, vergaß auch hier bei einem Manne, der fünfzig Jahre in ihr gelebt, für siegearbeitet und ihrer Tonkunst unleugbar den ihr angemessensten Schwunggegeben hatte, sie vergaß auch auf Händeis Grabe des Deutschen (Germans)nicht. In Schlafrock und Pantoffeln sitzt er nachlässig da, die Lyra in seinerHand, unter ihm die Flöte; glücklicherweise Shakespeare gegenüber.Händeis Charakter war in Tugenden und Fehlern Charakter der Tonkünstler.,,Besaß er Stolz", sagt sein britischer Biograph, ,,so war sein Stolz einförmig;er war nicht heute ein Tyrann und morgen ein Sklave, nicht hier ein Tadlerund dort ein Schmeichler. Seine Unabhängigkeit behauptete er in Umständen,in welchen andre sich eine Ehre würden daraus gemacht haben, untertänigzu sein. Er war freigebig, selbst in seiner Armut; als er reich ward, bedachteer seine alten Freunde. Schon als Knabe schickte er seiner Mutter Geld zu,da sie sich verbunden achtete, ihn zu unterstützen; an die Witwe seines altenLehrmeisters Zachau, als er hörte, daß sie Mangel litt, sandte er mehr als ein-mal Geschenke. Den größten Teil seines ansehnlichen Vermögens hinterließer seiner Schwester Tochter; seine musikalischen Schriften vermachte er HerrnSmith, von welchem die Oratorios stets fortgesetzt werden." Und so ruhe, ge-waltiger Mann, der mit seinen Tönen einen Cherub vom Himmel hätte herab-zwingen mögen! Ruhe auf deinem britischen Grabe aus! Die Lyra aber indeiner Hand, die Flöte und jedes deiner Instrumente verhalle nie dem nordischenEuropa! (Herder, Adrastea, 1801/1804.)
MOZART
Mozart, der Shakespeare der Musik, — hat eines, was nicht vielen zuteil ge-worden ist, daß der Götterfunke des Genies, in den Tiefen seiner kindlichenSeele verborgen, mit all dem Fleiß einer planmäßigen, sorgsamen Erziehungausgebildet wurde. Sein Vater, seit 1762 zweiter Kapellmeister bei der Fürst-Erzbischöflichen Salzburgischen Hofmusik, weihte jede Stunde, die er demHofdienste abkargen konnte, der Komposition und dem Unterrichte im Violin-spielen. Freudig, mit echtem Künstlerstolz und Vatergefühl, gab er beides auf,als er die trefflichen Anlagen seiner Kinder zur Musik bemerkte und sorgteausschließlich nur für die musikalische Bildung seiner lieben Maria AnnaUnd unseres Wolfgangs, welcher um vier Jahre jünger war.Nicht in Torquato Tasso hat sich der Dichtkunst heiliges Feuer früher, ent-schiedener geäußert, als bei Mozart die Spuren seines musikalischen Genies.Man konnte ihn nie zufriedener stellen, als wenn man ihn zum Klavier setzte,wo er, der kaum zu lallen angefangen hatte, Töne, dann Akkorde suchte,Worüber er dann, wenn er sie gefunden, in die lauteste kindische Freude aus-brach; nie war er vergnügter, als wenn ihm sein Vater ein Menuett oder einLiedchen spielend beibrachte, er zeigte dabei eine Leichtigkeit, ein Gedächtnis,
147