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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
145
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SÜDLICHE UND NORDISCHE MUSIK

Alle neuere Musik wird auf zweierlei Weise behandelt, entweder, daß man sieals eine selbständige Kunst betrachtet, sie in sich selbst ausbildet, ausübt unddurch den verfeinerten äußeren Sinn genießt, wie es der Italiener zu tunpflegt, oder daß man sie in Bezug auf Verstand, Empfindung, Leidenschaftsetzt und sie dergestalt bearbeitet, daß sie mehrere menschliche Geistes- undSeelenkräfte in Anspruch nehmen könne, wie es die Weise der Franzosen,der Deutschen und aller Nordländer ist und bleiben wird.Nur durch diese Betrachtung, als durch einen doppelten Ariadneischen Faden,kann man sich aus der Geschichte der neueren Musik und aus dem Gewirrparteiischer Kämpfer heraushelfen, wenn man die beiden Arten da, wo siegetrennt erscheinen, wohl bemerkt und ferner untersucht, wie sie sich angewissen Orten, zu gewissen Zeiten, in den Werken gewisser Individuen zuvereinigen gestrebt und sich auch wohl für einen Augenblick zusammenge-funden, dann aber wieder auseinandergegangen, nicht ohne sich ihre Eigen-schaften einander mehr oder weniger mitgeteilt zu haben, da sie sich dennin wunderbarer, ihren Hauptsätzen mehr oder weniger annähernden Ver-zweigungen über die Erde verbreiteten.

Seit einer sorgfältigen Ausbildung der Musik in mehreren Ländern mußtesich diese Trennung zeigen, und sie besteht bis auf den heutigen Tag. DerItaliener wird sich der lieblichsten Harmonie, der gefälligsten Melodie be-fleißigen, er wird sich an dem Zusammenklang, an der Bewegung als solchenergötzen, er wird des Sängers Kehle zu Rate ziehn und das, was dieser angehaltenen oder schnell aufeinander folgenden Tönen und deren mannigfaltig-stem Vortrag leisten kann, auf die glücklichste Weise hervorheben und so dasgebildete Ohr seiner Landsleute entzücken. Er wird aber auch dem Vorwurfnicht entgehen, seinem Text, da er zum Gesang doch einmal Text haben muß,keineswegs genug getan zu haben.

Die andere Partei hingegen hat mehr oder weniger den Sinn, die Empfindung,die Leidenschaft, welche der Dichter ausdrückt, vor Augen; mit ihm zu wett-eifern, hält sie für Pflicht. Seltsame Harmonien, unterbrochene Melodien,gewaltsame Abweichungen und Übergänge sucht man auf, um den Schreides Entzückens, der Angst und der Verzweiflung auszudrücken. Solche Kom-ponisten werden bei Empfindenden, bei Verständigen ihr Glück machen,aber der Vorwurf des beleidigten Ohrs, insofern es für sich genießen will,ohne an seinem Genuß Kopf und Herz teilnehmen zu lassen, schwerlich ent-gehen.

Vielleicht läßt sich kein Komponist nennen, dem in seinen Werken durchausdie Vereinigung beider Eigenschaften gelungen wäre; doch ist es keine Frage,daß sie sich in den besten Arbeiten der besten Meister finde und notwendigfinden müsse.

Übrigens, was diesen Zwiespalt betrifft, so ist er wohl nie gewaltsamer erschie-nen, als in dem Streit der Gluckisten und Piccinisten, da denn auch der Bedeu-tende vor dem Gefälligen die Palme erhielt. Ja, haben wir nicht noch in unsernTagen den lieblichen Paesiello durch einen eindrucksvollem Komponisten ver-

10 Wolters, Der Deutsche. 111,1. _.-