hatten; und von hier aus trat sie einen neuen Triumphzug an. Man muß einmaldurch die inneren Räume eines gut erhaltenen barocken Klosters — am bestenwohl die von S. Florian bei Linz — gehen, um zu verstehen, daß sich hierheretwas Ewiges am deutschen Menschen, seine Liebe zum Festen und Prächtigenin der unmittelbaren Umgebung, hineingerettet hatte. Man betrog sich wohlselbst hier mit dem Vorwande, Gasträume für fremde Fürstlichkeiten haltenzu müssen. Der Anlaß war da, aber er wurde über allen Maßstab hinaus be-friedigt. Es war eine Sehnsucht nach solider Pracht um ihrer selber willen,und sie entsprach genau der Sehnsucht des ganzen Volkes; sie rief eine seinerältesten Tugenden, die Phantasie im Handwerk, wieder wach. Man darfdarauf hinweisen, daß gerade durch die Klösteraufträge einer neuen Blüteaufgeholfen wurde, die das ganze 18. Jahrhundert gelebt hat. Denn viel mehr,als der Laie ahnt, geht hier unter fremdem Namen. Wieviel Glanz auch desfranzösischen Rokoko ist deutsche Leistung! In Versailles haben zuweilenmehr Deutsche als Franzosen gearbeitet. Und gerade die allergrößten Namen,die der „Gloire" gedient haben, sind die Namen frisch zugewanderter Deut-scher, Oeben, Riesener, Schwertfeger, ja, gerade der allerberühmteste: CharlesAndre Boulle, in Wahrheit Karl Andreas Buhl!
Und doch ist das geschichtlich Wichtigere und geistig noch Höhere die großeBaukunst. Es wird für den Instinkt der deutschen Klöster immer ein ehren-volles Zeugnis bleiben, daß sie genau zu der Zeit, in der sich der nationaleBarock aus dem italienischen herausbildete, von einem Bauehrgeiz ergriffenWurden, der völlig an den architektonischen Rausch erinnert, wie wir ihnaus Chronistenberichten des Mittelalters, besonders des II. Jahrhunderts,kennen. Überall wurden die alten Kirchen, auch wenn sie groß und höchstlebensfähig waren, niedergerissen, um unerhörten Gesamtanlagen Platz zumachen. Wieder ging man über jeden praktischen Sinn hinaus. Man mußsich klar machen, daß die riesenhaften Gesamtpläne von Einsiedeln, Wein-garten, Ebrach, Fulda, Banz, Melk, S. Florian, Göttweig, Klosterneuburg —Um nur einiges zu nennen — alle gleichzeitig in den verschiedensten Gegen-den des süddeutschen Kunstgebietes geschaffen und begonnen wurden. Essind Anordnungen ganzer Palastfolgen um Kirchen und auf Kirchen hin.(Wilhelm Pinder, Deutscher Barock, 1913.)
DER BAROCKALTAR BERNINIS
Kein Künstler der Welt hat gleiche Verehrung bei seinen Zeitgenossen ge-funden, wie Giovanni Lorenzo Bernini (geb. 1599 zu Neapel, gest. 1680 zuRom), keiner aber auch ist so schnell und so tief in Mißachtung gesunken,w ie der Meister, welcher während seiner langen Künstlerlaufbahn, fast zweiMenschenalter hindurch, für den ersten Architekten und Bildhauer Romsu nd Italiens und somit der ganzen Welt galt. Wie seine Umgebung kaumWorte genug fand, ihn zu feiern, wie der stolzeste König des Jahrhunderts,Ludwig XIV., ihn gleich einem Prinzen von Geburt empfing und hielt, so glaubtedie spätere Kritik nicht genügend scharfe Ausdrücke finden zu können, ums eine Werke zu verdammen. Sein Name wurde als bezeichnend für den
125