empor, hieß nicht mehr Pöppelmann und Neumann, sondern Klopstock und
Lessing und führte die Glanzzeit unserer Literatur herauf.-------
Das deutsche Volk ist nicht so geartet, daß es in den bildenden Künsten sichviele unmittelbare Schüler schüfe, es hat sich nur selten um formale Voraus-setzungen bemüht. Aber mit seiner tiefen Sehnsucht nach dem Letzten undSchwersten, seinem Triebe, das Einzelne und Einzige hervorzubringen, istes gerade dann stark und reich geworden, wenn die großen Lehrgänge zuEnde waren, wenn in allgemeiner Gärung und Lösung nur die freie Stärke deseinzelnen retten konnte, wenn jeder selbst schwimmen mußte, wenn nicht dieSchule galt, sondern die Phantasie. So war es in der Zeit um 1500, und sowar es um 1700; in der Zeit Dürers, Holbeins, Grünewalds, Krafts, Vischers,Stossens, Backofens — und im deutschen Barock. Um 1500 waren es vorallem die Künste gegenständlicher Darstellung: Malerei, Graphik, Plastik,um 1700 war es fast allein die Architektur. Beide Male darf man den Reich-tum und die Bedeutung nicht am unmittelbaren Erfolge oder gar an un-mittelbarer Nachfolge messen. Vor die Weiterwirkung deutscher Kräfte nachaußen darf man in diesen Dingen ruhig immer eine gewisse Zeit einlegen.Aber wie arm sieht heute in den Dingen bildender Kunst das Frankreich um1500 gegen das Deutschland um 1500 aus! Und heute sehen wir auch, daßvon diesem selben Deutschland mehr Ausstrahlungen — Dürers und Hol-beins zum Beispiel — nach außen gegangen sind, als man früher gespürt hat.Mit dem Barock wird es vielleicht nicht anders sein. Es gibt heute schon ein-zelne Franzosen, die im Bruchsaler Treppenhause oder vor dem WürzburgerSchlosse gestehen, daß diese Vereinigung von Glut und Eleganz bei ihnen
nicht vorkommt.-------
Es ist keinem wahrhaft großen Meister verwehrt, das Gewaltigste an Raum-kunst auszudrücken, — auch wenn die Fülle der Mittel sich bis in das un-möglich Scheinende vermehrt hat. Diese Mittel brauchten nur an Menschenzu gelangen, die nicht von ungeheuren Kulturleistungen erschöpft waren —wie die Italiener um 1700 —, die vielmehr eine elementare Absicht auf großeArchitektur mit sich brachten. Gerade dann konnte aus späten Mitteln undjungem Willen eine Kunst vom seltsamsten Dufte entstehen.Dies war, durch ein tragisches Wunder, die Lage der Deutschen. In einemdurch eigene Leistung herrlich gewordenen, nun aber verwüsteten und zer-rissenen Lande, gestoßen und zerschlagen, aber von unbesiegbarer Natur-kraft, von jeher nach innen horchend und von schwerer Zunge, nun nochdurch eine verwilderte Sprache, durch ein barbarisiertes Denken gehindert,a h"e neue Sehnsucht gleich in die geliebten dichterischen Formen auszugießen,s ahen sie den ganzen unendlich bunten Reichtum auf sich zukommen, zudem die Kunst der Nachbarn sich entwickelt hatte, und fanden — genau wieei nst im frühen Mittelalter — in den Formen der „stummen" Baukunst dieSprache für den inneren Drang und Klang. Wären sie wirkliche Barbarengewesen, so hätten sie im Rausche ertrinken müssen. Ihre Kräfte hatten wieUnter Schnee gelegen, sie waren wohl verfroren und steif, aber sie brauchtenSl ch nur zu recken. Es war dieses Mal ein günstiger Fall der gewohnten Er-Sc heinung, daß das Große in Deutschland gern unmodern ist. Die ganze Ent-
123