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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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DIE KRAFT DES DEUTSCHEN GEISTES IM BAROCK

Der neue Lebenswille erscheint schon in jenen ersten Jahrzehnten des 18. Jahr-hunderts mit wahrhaften Taten; nur nicht da, wo wir ihn allein zu suchengelehrt worden sind; nicht in den Künsten, die mit der Welt der Gegenständearbeiten, nicht in der Plastik oder Malerei, auch nicht in der Literatur, son-dern in der Musik und in der Baukunst. Es ist durchaus kein Zufall, daßHändel und die Bachs mit den großen Baumeistern, wie Schlüter, Pöppelmann,Prandauer und Neumann, zeitlich zusammengehören. Hier, wo das künst-lerische Schaffen am tiefsten vor der Oberfläche alles äußeren Geschehensverborgen sich vorwärtsbohrte, in der Musik wie im architektonischen Traume,waren die beiden reinsten Möglichkeiten, Grenzenloses und Ungreifbares zugestalten. Mancher jener Meister war kaum imstande, einen deutschenBrief zu schreiben das war schon eine zweite Sorge, aber indem er dasganze Formengut der glücklicheren Nachbarn mit unwiderstehlicher Ge-walt an sich brachte, um seine eigene eigenwillige Schönheit darüberzusetzen,stellte er sich dennoch zu den großen ernsten Zeugen für die Unsterblichkeitdes Volkes nach der langen Epoche der Katastrophen. Diese Zeit desVerfalls"bedeutet für uns eine neue Jugend.

Es gab damals über die Architekten hinaus eine schwärmerische Begeisterungfür Architektur, die als künstlerische Volksstimmung später durch die lite-rarische ersetzt wurde, genau so wie die vordersten Kräfte in der zweitenJahrhunderthälfte überhaupt nicht mehr in der Architektur, sondern in derLiteratur zu finden sind. Aber für die Zeit um 1710, die Zeit Schlüters, Hilde-brandts und Pöppelmanns, muß man sich etwa Augsburger Bibelillustrationenansehen, wie sie für den Vertrieb im großen berechnet wurden: die Vorgängesind völlig belanglos, überhaupt nicht zu erkennen; dafür schwelgt die Phan-tasie im Aussinnen von Raumkonstellationen. Die Handlung ist Staffage auswinzigen Püppchen. Was man sehen will, sind riesige Hallen, Bogengänge,Kuppelräume, ungeheuer malerisch verschmolzen und immer durch lang-gestreckte Raumideen auf das Unendliche verweisend Bauphantasien.Man träumte von Architektur später, zu Goethes Zeit, galt in der Illu-stration nur Handlung und Bedeutung. Das war dann auch die gleiche Zeit,in der jener behaglich-üppige Genuß an Raum, wie er heute noch aus ganzensüddeutschen Bürgerstraßen des frühen 18. Jahrhunderts spricht, sich in dasBiedermeierische" verzog, in der auch die bürgerliche Baukunst dünner undmagerer zu werden begann. Diese stetig erkaltende Baukunst stand im Schat-ten einer übermächtigen Literatur; dafür reichte dann freilich die literarischeGestaltung bis in die Briefe der einfachsten Gebildeten hinein. Jene Poesiedagegen, die mit den grandiosen Bauten unserer Barockmeister gleichzeitigist, konnte erst stammeln. In Christian Günthers Strophen erscheint alsungebändigte Sinnlichkeit, was Pöppelmann oder Neumann souverän undsicher vortrugen. Es ist da eine unterirdische Verbindung, eine zweifelloseGemeinschaftlichkeit in der Evolution des deutschen Geistes, des Geistesüberhaupt; sobald in der Architektur der Zug der kühnen Persönlichkeit zu-rückging, tauchte er im Gebiete der bewußten literarischen Darstellung wieder

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