zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts. Was in dieser geboren underzogen ward, glänzt nunmehr in seinem ganzen Wert, in seiner vollen Würde,und die Welt erlebt nicht leicht wieder eine solche Erscheinung. Hier zeigtsich zwar ein Konflikt zwischen Autorität und Selbsttätigkeit, aber noch miteinem gewissen Maße. Beide sind noch nicht voneinander getrennt, beidewirken aufeinander, tragen und erheben sich.
In der zweiten Hälfte wird das Streben der Individuen nach Freiheit schonviel stärker. Schon ist es jedem bequem, sich an dem Entstandenen zu bil-den, das Gewonnene zu genießen, die freigemachten Räume zu durchlaufen;die Abneigung vor Autorität wird immer stärker, und wie einmal in derReligion protestiert worden, so wird durchaus und auch in den Wissenschaftenprotestiert, so daß Baco von Verulam zuletzt wagen darf, mit dem Schwammüber alles hinzufahren, was bisher auf die Tafel der Menschheit verzeichnetworden war. (Goethe, Zur Farbenlehre, 1810.)
ÜBERGANG VON RENAISSANCE ZU BAROCK IN DEUTSCHLAND
Schon vor dem Dreißigjährigen Kriege einmal hatte es so ausgesehen, alswollte jenes großartig mächtige Raumgefühl, das die Deutschen auch im Mittel-alter vor den Franzosen vorausgehabt haben, sich an italienischen Gedankenneu entzünden. Damals, an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, blieb esin der Minderheit. Die Nation im großen eilte schon auf die Katastrophe hin.Sie war wie gebannt durch religiöse Kämpfe und Sorgen. Die Architekturspiegelte etwas wie allgemeine Zersetzung wider. Soviel Phantasie an Erkernund Portalen, soviele echte und originelle Schönheit im einzelnen die „deutscheRenaissance" besaß — sie zeigte nur selten die Fähigkeit, im großen zudenken. Das Handwerk, der berechtigte Ruhm Deutschlands, war zumSchaden der Architektur allzusehr im Vordergrunde. Nicht Raumbildung,sondern Glieder-, ja Schmuckbildung war die Stärke der Zeit. Schreiner-meister schrieben die Lehrbücher der Baukunst. Die Jesuiten selbst tastetenzwischen einer Art Gotik und der Renaissance herum — es war eine großeVerworrenheit und Unordnung.
In sie hinein schlug damals wie ein dröhnender neuer Klang die gewaltigeRaumschöpfung von St. Michael zu München. Die schwäbisch-bayrischeHochebene — Augsburg, Landshut, München voran — war schon vorherder erste Aufnahmeweg für italienische Spätrenaissance gewesen. HerzogWilhelm V., der eifrige Anhänger der Gegenreformation, holte mit den Jesuitenzugleich einen Baugedanken ins Land, der so nur aus Italien kommen konnte,dessen ganze Ausführung aber schon wesentlich in deutsche Hände kam,und der dann nach der künstlichen Pause des Dreißigjährigen Krieges undseiner nächsten Folgen nur in Deutschland wieder aufgegriffen und erstaun-lich weitergebildet wurde. Es war eine Umwandlung des römischen Gesunach dem Raumbilde des einheitlichen Saales hin. Im Grundplane war dieerhöhte Kuppel fortgelassen, eine einzige gewaltige Tonne überwölbte dasGanze in gleicher Höhe. Und im Aufbau waren über den Kapellen Emporeneingefügt, die Kapellenwände selbst aber nichts anderes, als eingezogene
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