Völker notwendig verwebt, erhielt sie nun überall durch den Beifall jenerWeisen auch noch wissenschaftliches Ansehen. Es ging immer weiter. Durchdie Sprache war sie in die Bibel gekommen, die mit dem sinnlichen Menschenmenschlich reden mußte, wie mit Hebräern hebräisch: so wurde daraus endlichein Gottesurteil. Jene erste Idee von der Bewegung der Erde ward dadurchwie exkommuniziert; sie in Schutz zu nehmen, war nicht bloß mißlich, eskonnte halsbrechend werden. Nun bedenke man: Diese von den größten Weisendes Altertums verworfene, verächtlich scheinende, verrufene, mißliche undhalsbrechende Idee, die selbst einer der größten Denker neuerer Zeit, derStifter wahrer Naturlehre, Baco von Verulam, der die Kopernikanische Lehresogar kannte, noch verwerflich fand: diese lernt Kopernikus aus flüchtigenBeschreibungen kennen; sie erregt seine Aufmerksamkeit, er prüft sie und —nimmt sie in Schutz. Dieses tat ein Domherr des fünfzehnten Jahrhunderts,mitten unter Domherren, nicht unter dem sanften Himmelsstriche Griechen-lands oder Italiens, sondern unter den Sarmaten und an der damaligen Grenzeder kultivierteren Welt. Er verfolgt diese Idee mit unermüdeter Sorgfalt nichtein paar Jahre hindurch, sondern durch die Hälfte seines siebenzigjährigenLebens; vergleicht sie mit dem Himmel, bestätigt sie endlich, und wird so derStifter eines neuen Testaments der Astronomie. Und dieses alles leistete er,welches man nie vergessen muß, fast hundert Jahre vor Erfindung der Fern-gläser, mit elenden hölzernen Werkzeugen, die oft nur mit Tintenstrichengeteilt waren. Das tat der Geist der Ordnung, der in ihm wohnte, der, selbstvom Himmel stammend, sein eigenes Wesen in dessen Werke hinaustrug,und Ordnung um so leichter erkannte, als er selbst durch innere Stärke freiergeblieben war. Kepler sagt dieses in wenigen Worten mit großer Stärke:Copernicus, vir maximo ingenio et, quod in hoc exercitio magni momentiest, animo über. (Georg Christoph Lichtenberg, um 1790.)
ABSCHLUSS DES SECHZEHNTEN JAHRHUNDERTS:BACO VON VERULAM
Was Baco von Verulam uns hinterlassen, kann man in zwei Teile sondern.Der erste ist der historische, meistens mißbilligende, die bisherigen Mängelaufdeckende, die Lücken anzeigende, das Verfahren der Vorgänger scheltendeTeil. Den zweiten würden wir den belehrenden nennen, den didaktisch dog-matischen, zu neuen Tagewerken aufrufenden, aufregenden, verheißendenTeil.
Beide Teile haben für uns etwas Erfreuliches und etwas Unerfreuliches, daswir folgendermaßen näher bezeichnen. Im historischen ist erfreulich die Ein-sicht in das, was schon dagewesen und vorgekommen, besonders aber diegroße Klarheit, womit die wissenschaftlichen Stockungen und Retardationenvorgeführt sind; erfreulich das Erkennen jener Vorurteile, welche die Menschenim einzelnen und im ganzen abhalten, vorwärts zu schreiten. Höchst uner-freulich dagegen die Unempfindlichkeit gegen Verdienste der Vorgänger*gegen die Würde des Altertums. Denn wie kann man mit Gelassenheit an-
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