Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
112
Einzelbild herunterladen
 

nis des göttlichen Wesens: denn Gott, der sich des Umgangs mit der heiligenSeele freut, will sie in sich verwandeln, in ihr wohnen; Gott ist Geist, das Wortist ein Hauch, der Mensch atmet, Gott ist das Wort. Die Namen, die er sichselbst gegeben, sind ein Widerhall der Ewigkeit: da ist der Abgrund seinesgeheimnisvollen Wesens ausgedrückt:der Gottmensch hat sich selbst dasWort genannt". Da fassen gleich in ihrem ersten Ursprung die Studien derSprache in Deutschland das letzte Ziel ins Auge, die Erkenntnis des geheimnis-vollen Zusammenhanges der Sprache mit dem Göttlichen, ihrer Identitätmit dem Geiste. Reuchlin ist wie jene Entdecker der neuen Welt, seine Zeit-genossen, welche bald nach Norden, bald nach Süden, bald geradeaus nachWesten das Meer durchschneiden, die Küsten finden und bezeichnen und dabeinicht selten, indem sie einen Anfang machen, schon am Ziele zu sein glauben.Reuchlin war überzeugt, daß er auf seinem Wege der platonischen und aristo-telischen Philosophie, die bereits wiedergefunden worden, auch die pytha-goreische hinzufüge, die aus dem Hebraismus entsprungen. Auf den Fuß-stapfen der Kabbala glaubte er von Symbol zu Symbol, von Form zu Formsich bis zu der letzten, reinsten Form zu erheben, die das Reich des Geistesbeherrsche, in der sich die menschliche Beweglichkeit dem Unbeweglich-Göttlichen nähere. (Leopold von Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalterder Reformation, 1839/1847.)

DAS NEUE TESTAMENT DER ASTRONOMIE

Kopernikus selbst erzählt die Veranlassung zu seinen neuen Untersuchungenin der Zuschrift an Papst Paul III., die er seinem Werke De revolutionibusorbium coelestium vorgesetzt hat, und die als ein Meisterstück von Vortragangesehen werden kann. Der Menschenkenner wird fast in jeder Zeile mitVerwunderung bemerken, mit welcher Feinheit der Mann die innigste Über-zeugung von der Wahrheit und Gerechtigkeit seiner Sache, ohne zu heuchelnoder zu kriechen, in die Sprache männlicher Bedachtsamkeit zu kleiden undals Geistlicher mit dem Oberhaupte seiner Kirche sogar ein wenig philosophischvon dem Weltgebäude zu sprechen gewußt hat, welches damals bekanntlichallgemein für ein Gebiet nicht der Philosophie, sondern Sr. Heiligkeit ange-sehen wurde.

Was mich", sind ungefähr seine Worte,auf den Gedanken brachte, dieBewegungen der himmlischen Körper anders als gewöhnlich zu erklären,war, daß ich fand, daß man bei seinen Erklärungen nicht einmal durchauseins mit sich selbst war. Der eine erklärte so, der andere anders, und keinertat den Phänomenen ganz Genüge. Wenn es an einem Ende gut damit ging,so fehlte es dafür am andern. Ja, man blieb nicht einmal den Grundsätzen,die man doch angenommen hatte, getreu. Daher war es auch nicht möglich,dem Ganzen eine gewisse stete, symmetrische Form zu geben. Es glich viel-mehr einem Gemälde von einem Menschen, wozu man Kopf und Füße vondiesem, die Arme und übrigen Glieder aber von jenem genommen hatte,wovon aber keines zum andern paßte, also eher einem Monstrum, als einerregelmäßigen Figur. Verfolgt man den Gang der dabei gebrauchten Schlüsse,

112