derung und Gönner verschafften. Allmählich fühlte er, was das Publikumbedurfte und liebte: er warf sich ganz in die Literatur. Er verfaßte Lehr-bücher über Methode und Form, übersetzte aus dem Griechischen, das er dabeierst lernte, edierte die alten Autoren, ahmte sie nach, bald Lucian, bald Terenz— er zeigte allenthalben den Geist feiner Beobachtung, welcher zugleich be-lehrt und ergötzt; was ihm aber hauptsächlich sein Publikum verschaffte,war die Tendenz, die er verfolgte. Jene ganze Bitterkeit gegen die Formender Frömmigkeit und Theologie jener Zeit, die ihm durch den Gang und dieBegegnisse seines Lebens zu einer habituellen Stimmung geworden, ergoßer in seine Schriften, nicht daß er sie zu diesem Zwecke von vornherein angelegthätte, sondern indirekt, da, wo man es nicht erwartete, zuweilen in der Mitteeiner gelehrten Diskussion, mit treffender unerschöpflicher Laune. Unteranderem bemächtigte er sich der durch Brant und Geiler populär gewordenenVorstellung von dem Element der Narrheit, welches in alles menschlicheTreiben und Tun eingedrungen sei: er führte sie selbst redend ein, Moria,Tochter des Plutus, geboren auf den glückseligen Inseln, genährt von Trunken-heit und Ungezogenheit, Herrscherin über ein gewaltiges Reich, das sie nun
schildert, zu dem alle Stände der Welt gehören.-------
Dem populären Angriffe fügte Erasmus aber auch einen gelehrten, tieferenhinzu. Das Studium des Griechischen war im fünfzehnten Jahrhundert inItalien erwacht, dem Latein zur Seite in Deutschland und Frankreich vor-gedrungen und eröffnete nun allen lebendigen Geistern jenseits der beschränk-ten Gesichtskreise der abendländischen kirchlichen Wissenschaft neue glän-zende Aussichten. Erasmus ging auf die Idee der Italiener ein, daß man dieWissenschaften aus den Alten lernen müsse, Erdbeschreibung aus Strabo,Naturgeschichte aus Plinius, Mythologie aus Ovid, Medizin aus Hippokrates,Philosophie aus Plato, nicht aus den barocken und unzureichenden Lehr-büchern, deren man sich jetzt bediene; aber er ging noch einen Schritt weiter:er forderte, daß die Gottesgelahrtheit nicht mehr aus Skotus und Thomas,sondern aus den griechischen Kirchenvätern und vor allem aus dem NeuenTestament geschöpft würde. Nach dem Vorgang des Laurentius Valla, dessenVorbild überhaupt auf Erasmus großen Einfluß gehabt hat, zeigte er, daß mansich hierbei nicht an die Vulgata halten müsse, der er eine ganze AnzahlFehler nachwies; er selbst schritt zu dem großen Werke, den griechischenText, der dem Abendlande noch niemals bekannt geworden, herauszugeben.So dachte er, wie er sich ausdrückt, diese kalte Wortstreiterin Theologie aufihre Quellen zurückzuführen; dem wunderbar aufgetürmten System zeigte«r die Einfachheit des Ursprungs, von der es ausgegangen war, zu der es zu-rückkehren müsse. In alle dem hatte er nur die Zustimmung des großenPublikums, für das er schrieb. Es mochte dazu beitragen, daß er hinter demMißbrauch, den er tadelte, nicht einen Abgrund erblicken ließ, vor dem man er-schrocken wäre, sondern eine Verbesserung, die er sogar für leicht erklärte,daß er sich wohl hütete, gewisse Grundsätze, welche die gläubige Überzeugungfesthielt, ernstlich zu verletzen. Die Hauptsache aber machte sein unvergleich-Hches literarisches Talent. Er arbeitete unaufhörlich, in mancherlei Zweigen,und wußte mit seinen Arbeiten bald zustande zu kommen: er hatte nicht die
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