und Antwort stehen, falls wir ihn befragen. Holbein, treu wie immer, hatdiese Persönlichkeit vor uns hingestellt, ohne zu ihrem Abbild das Mindestevon dem Seinigen hinzuzutun, ohne sie in irgendeinem Zuge über das, was siein Wirklichkeit ist und was sie täglich scheint, zu erheben. Aber was dieserMensch ist und hat, das ist hier auch ganz gegeben, tief aus dem Innern istder Kern seines Wesens hervorgeholt und in die Erscheinung gerufen.Vielleicht in keinem Bildnis kann man Holbein so gründlich kennenlernen,als in diesem Werke, zu dessen sonstigen Vorzügen noch seine seltene Er-haltung kommt. Nur das Schwarz des Überrocks ist mit der Zeit etwas stumpfund undurchsichtig geworden. Sonst finden wir hier, wie das die Art desAnzugs und des Beiwerks mit sich brachten, eine Mannigfaltigkeit der Töne,einen Reichtum der Palette, wie sie bei Porträten des Meisters nicht häufigsind. Der Ton ist klar, zart und leuchtend, und während uns beim Anschauendes Einzelnen in nächster Nähe das Machwerk als ein wahres Wunder scheint,ist auch der Eindruck des Ganzen beim Anblick von der Ferne nicht minderschlagend. Es befriedigt und erschließt uns ungeahnte Schönheiten, je längerwir es anschauen. (Alfred Woltmann, Holbein und seine Zeit, 1866/1868.)
HÖHEPUNKT DES DEUTSCHEN HUMANISMUS IN ERASMUS
Überblicken wir die ersten dreißig Lebensjahre des Erasmus, so war er inunaufhörlichem inneren Widerspruch mit dem Kloster- und Studienwesenjener Zeit aufgewachsen und geworden, was er war. Man könnte sagen: erwar gezeugt und geboren in diesem Gegensatze; sein Vater hatte sich mitseiner Mutter nicht vermählen dürfen, weil er für das Kloster bestimmt war.Ihn selbst hatte man auf keine Universität ziehen lassen, wie er wünschte,sondern in einer unvollkommenen Klosteranstalt festgehalten, die ihm sehrbald nicht mehr genügte; ja, man hatte ihn durch allerlei Künste mit derZeit vermocht, selbst in ein Kloster zu treten und die Gelübde abzulegen.Erst dann aber fühlte er ihren ganzen Druck, als er sie auf sich genommen: erhielt es schon für eine Befreiung, daß es ihm gelang, eine Stelle in einemKollegium zu Paris zu erhalten: jedoch auch hier ward ihm nicht wohl: ersah sich genötigt, skotistischen Vorlesungen und Disputationen beizuwohnen,und dabei klagt er, daß die verdorbene Nahrung, der kahmige Wein, vondenen er dort leben mußte, seine Gesundheit vollends zugrunde gerichtethaben. Da war er aber auch schon zu dem Gefühl seiner selbst gelangt. Sowieer noch als Knabe die erste Spur einer neuen Methode bekommen, war er ihfmit geringen Hilfsmitteln, aber mit dem sicheren Instinkt des echten Talentesnachgegangen; er hatte sich eine dem Muster der Alten nicht in jedem ein-zelnen Ausdruck, aber in innerer Richtigkeit und Eleganz entsprechende,leicht dahinfließende Diktion zu eigen gemacht, durch die er alles, was es inParis gab, weit übertraf. Jetzt riß er sich von den Banden, die ihn an Klosterund Scholastik fesselten, los; er wagte es, von der Kunst zu leben, die er ver-stand: er unterrichtete und kam dadurch in fördernde und seine Zukunftsichernde Verbindungen; er machte einige Schriften bekannt, die ihm, wiesie denn mit ebenso viel Vorsicht als Virtuosität abgefaßt waren, Bewun-
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