in der Plastik, viele schöne Beklagungsgruppen aufzuweisen: hiergegen er-scheinen sie alle flach in der Empfindung.-------
Man tritt vor die zweite Reihe noch ganz erschüttert von dem Eindruck derersten. Jetzt, indem die Flügel aufgeschlagen werden, eröffnet sich auch derZusammenhang des göttlichen Planes, in dem das Opfer des Sohnes einebittere Notwendigkeit war. Wir sehen in der Verkündigung, wie das WortFleisch werden will; und in der Auferstehung, wie das Fleisch in den Geistzurückkehrt. In der Mitte zwischen ihnen die Geburt des Heilands. Aller-dings ist es nicht das altgewohnte Weihnachtsbild. Es ist nicht die Legende,sondern der Mythus gemalt. Ich kenne aus der älteren deutschen Kunstnur ein einziges Analogon: in dem Bilde des sogenannten Meisters Frankeauf dem Hamburger Altar von 1420. Wie dort fehlt Joseph, wie dort sinddie Hirten nur weit hinten auf dem Berge sichtbar, wie dort erscheintam obersten Bildrande Gottvater und sendet aus dem Gewölk goldene Strah-len herab. Es fehlt — auf dem Isenheimer Bilde ebenso — die gewohnteKennzeichnung des Schauplatzes der Geburt als Hütte oder Ruine. Dafürwird eine Gartenmauer mit geschlossener Pforte sichtbar: — jedermann ver-ständlich als der Hortus conclusus, das Symbol der unverletzten Jungfräu-lichkeit. So ist also das Mysterium, das der Realismus des 16. Jahrhundertsfast vergessen hatte, mit allen Mitteln betont, aber doch so, daß das Übernatür-liche in die Ferne gelegt wird. Der Vordergrund steht in irdischer Nähe. Mariahat nichts Transzendentes an sich; sie ist nicht die zarte Jungfrau, sonderndie stolze, reiche Mutter; in strahlendem Glück hebt sie den kräftigen Knabenzu sich empor aus der Wiege. Wendet sich der Blick dann weiter auf dielinke Hälfte, so wogt uns schon wieder die überirdische Welt entgegen. EinVorhang ist zurückgezogen vor einem dunklen Raum, in dem ein phan-tastisches Mysterienspiel beginnt. Vorn spielt ein Engel auf der Gambe demChristuskind etwas vor; weiter hinten ein kapellenartiger Einbau; dann wiederein die Geige streichender Engel, umschwebt von geflügelten Cherubinen,und vor ihnen eine mädchenhafte Frauengestalt, Maria als Königin der Engel.Was bedeutet sie in diesem Zusammenhang? Wie es scheint, dies: Die dog-matische Basis ist die Lehre, daß die Fleischwerdung Christi eine doppelteErlösung brachte: den Menschen und den Engeln. Daher der doppelte Lob-gesang: Gloria in excelsis — pax in terra. (Dehio, Geschichte der deutschenKunst, 1921 ff.)
BILD DES JÖRG GYSIN VON HOLBEIN
Aus den Jahren 1532 — 1536 haben wir Bildnisse deutscher Kaufleute vomStahlhofe, von Holbeins Hand gemalt. Diese Porträts pflegen gewisse gemein-same Kennzeichen zu haben. Meist zeigen sie den Dargestellten in halberFigur und ringsum allerlei Beiwerk und Gerät, das mit großer Liebe aus-geführt ist. Auf Briefadressen pflegt in deutscher Sprache der Name des Dar-gestellten, sein Wohnort London, gewöhnlich auch noch die genauere Adresse:im Stahlhofe, zu stehen. Außerdem finden wir meist sein Alter samt der Jahr-zahl, seinen Wahlspruch oder auch ein paar lateinische Verse, auf das Porträt
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