so stark sind, fühlen wir erst recht es durch: wieviel beiden durch Zeit undVolk gemeinsam ist. — —
Ein Werk vom Umfang des Isenheimer Altars hat Grünewald nicht mehrzu malen Gelegenheit gehabt. Der Auftrag war einer der größten, die je derdeutschen, der nordischen Kunst zugekommen sind. An Umfang übertrifft erden Genter bei weitem und auch alle von Dürer ausgeführten. Altertümlicherals dieser ist er insofern, als er am Zusammensein von Malerei und Holzplastiknoch festhält. Der Aufbau wurde kurz vor der Französischen Revolution zer-stört, die Teile haben sich fast vollständig erhalten und sind im Museum inKolmar. Die Zahl der Gemälde ist, die Predella eingerechnet, neun. DieWandlung ergab drei Ansichten: im geschlossenen Zustand (der nur in derFastenzeit nicht verändert wurde) die Kreuzigung, zwei Tafeln zu einerBildfläche zusammengenommen, und auf den Flügeln die Heiligen Antoniusund Sebastian; im zweiten Zustand Christi Geburt und Engelkonzert, danebenauf den Flügeln Verkündigung und Auferstehung; im dritten Zustand der ver-tiefte Schrein mit der plastischen Sitzfigur des Titelheiligen nebst den Seiten-figuren Augustinus und Hieronymus, und auf den wieder der Malerei über-lassenen Flügeln die Versuchung des Antonius und sein Besuch beim Ein-siedler Paulus. Die Reihenfolge der Wandlungen ist in Form und Inhaltauf den Kontrast angelegt: zuerst die tragische Schicksalserfüllung düsterund bleischwer, dann die in mystischem Überschwang erfaßte strahlende,klingende, jubelnde Überwirklichkeit, zuletzt Beruhigung in festem, plastischemDasein. Der Eindruck im Moment der Wandlung muß überwältigend gewesensein, indem sich mit dem bildnerischen Prinzip des räumlichen Zusammenseinsdas der Schaubühne entnommene des zeitlichen Hintereinanders verband.Grünewald gibt etwas noch nie Gesehenes: ein weites, ödes, steiniges Hügel-land, über das die schwarze Nacht niedersinkt, ganz monoton, nur am tief-liegenden Horizont ein matter Lichtschein. Vor der Finsternis stehen infahler gespenstischer Helligkeit die Figuren. Der Umriß gewinnt damit höchsteMacht. Und daß sie alle reliefartig in einer Ebene stehen, gibt ihrer Erschei-nung eine starre Gebundenheit, die am Schluß einer so sehr um Tiefe bemühtgewesenen Epoche als überaus derb und asketisch empfunden worden seinmuß. Dem am Marterholz Hängenden ist höchste physische Wucht geliehen;der Künstler wußte genaij, was er damit erreichte, daß er ihn im Maßstabgrößer bildete als die unter dem Kreuze Stehenden: wie groß muß die Berges-last der Qualen gewesen sein, bis selbst dieser herkulische Körper unterlag.Nichts von Verklärung ist an ihm, nicht einmal stoische Ergebung. Gegendieses Bild des Grausens wirken die Körperverkrümmungen der älterenKunst wie ein kühles Ornament, auf einen durch die Renaissance erzogenenItaliener müßte es unbeschreiblich abstoßend gewirkt haben. Und danebensteht fanatisch unerschütterlich der letzte Prophet des Alten Bundes, Johannesder Täufer, wie die Verkörperung des unerbittlichen Ratschlusses, daß diesesgeschehen mußte. Mitleid ist nur auf der andern Seite; aber es ist ganz zurkörperlichen Qual geworden. Selbst die Predella mit der Beklagung amoffenen Grabe bringt keinen mildernden Ausklang. Mit der Pracht undFurchtbarkeit dieses Toten läßt sich nichts vergleichen. Die Zeit hat, besonders
103