Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
98
Einzelbild herunterladen
 

Mysterien entlehnten. Hier waren den Schergen des Herrn übertrieben-burleske Rollen zugewiesen, und von hier aus waren sie dem Volke nicht nurals boshaft, gemein und entmenscht, sondern auch als äußerlich abschreckendbekannt. Aber der letzte Grund ist doch ein innerlicher, ist immer wieder dieReaktion des gotischen Idealismus, welcher in das Phantastische umschlägt,indem er über das Reale hinausstrebt, aber nicht nach der richtigen Seite,indem er sich das Wirkliche zu geben müht und es doch verzerrt und insolcher Weise überall die gefährliche Klippe für die deutsche Kunst, selbstDürer noch mit eingeschlossen, bildet.

Unmittelbar neben diesen Ausartungen aber treten die schönsten Züge derMilde und Innigkeit bei Schongauer auf, so in der Passionsfolge selbst, so inden verschiedenen Darstellungen des Heilandes am Kreuze, bei denen er sichbestrebt, die Situation immer neu und anders zu fassen, mögen wir nun denErlöser erblicken, wie Engel sein Blut auffangen oder wie er dem beteuerndenLieblings jünger die Mutter empfiehlt, mag das Schergengesindel unter demHolze um Jesu Kleider losen und den Trauernden Worte des Hohnes zurufenoder der Hauptmann vom Tode des Gerechten ergriffen sein, mag endlichChristus bereits ausgelitten haben und nun der gewaltsamen Erschütterungeine milde Wehmut folgen. Daß auch der Künstler, trotz jener bizarren ver-letzenden Einzelheiten, schon eine staunenswerte Großartigkeit der Kom-position entfalten kann, zeigt die große Kreuztragung, der umfangreichste

aller seiner Stiche.-------

Aber mag sich Martin Schongauer in seinen Kupferstichen auch noch so viel-seitig und erfinderisch zeigen, das ganze Vollgewicht seines Könnens undseiner Persönlichkeit ruht dennoch in jenen wenigen Gemälden, die man alseigenhändige Schöpfungen von ihm betrachten kann, den Altarflügeln ausKloster Isenheim im Museum zu Kolmar und derMadonna im Rosenhag"in der Sakristei der dortigen Martinskirche. Dies ist ein schöner, tief dichte-rischer Gegenstand, den die Kölnischen Meister schon liebten und welcher rechtder deutschen Empfindung entspricht. Der Italiener liebt es mehr, die Gottes-mutter als thronende Himmelskönigin darzustellen, der Deutsche will sienahe und echt menschlich sehen. Auf einfacher Gartenbank sitzt sie mit demKinde, ganz in Rot gekleidet, in mehr als lebensgroßer Gestalt, unter demFuße saftiges Grün, vor einer blumenreichen Hecke mit kleinen gefiedertenGästen, hinter welcher lauter Goldglanz strahlt. Von hier ist freilich nochweit bis zu den Schöpfungen eines Hubert van Eyck, aber seit diesem warim Norden gewiß nichts gemalt, das an Majestät und Andacht neben Schon-gauers Madonna besteht. Hier hat sich mehr wie sonst der holdesten Schön-heit ein wahrhaft persönlicher Charakter gesellt, hier strahlt aus den Zügennicht jungfräuliche Reinheit und natürliche Innigkeit allein; ihres Wesensund ihrer Sendung, wie der Bestimmung des göttlichen Knaben, der sich ansie schmiegt, ist sie sich bewußt; ihr hoher, bedeutungsvoller Ernst, dem eineleise Wehmut sich beimischt, legt Zeugnis dafür ab. Auf ebenso hoher Stufe,im Vergleich zu allen nordischen Leistungen der Zeit, steht auch, trotz der her-ben Magerkeit in Marias Händen und der Gestalt des Kindes, das Verständnisdes Körperlichen, welchem der sichere, grandiose Wurf des Gewandes ent-

9 8